Geprüfter Betriebswirt: Hinweise zum neuen Rahmenstoffplan

Teilen

 

 

Schon im August haben wir uns an dieser Stelle über die neue Prüfungsordnung im Lehrgang "Geprüfter Betriebswirt" ausgelassen. Inzwischen hat der zugehörige Rahmenstoffplan auch seinen Weg von den Büros der Kämmerlinge auf meinen Schreibtisch gefunden, und mit ihm so manche Überraschung. Schauen wir also mal nach, was sich so alles ändert:

Auf dem Weg zur Managerschulung

Um es gleich vorwegzunehmen: die Sache wird viel heftiger als früher. Nimmt man die Stoffülle ernst, dann muß jeder ernsthafte Prüfungskandidat viel mehr zwischen den Terminen vor- und nachbereiten. Die Dozenten haben keine Zeit, Grundlagen zu vermitteln. Diese werden vorausgesetzt – vermutlich auch in den Prüfungen. Auch auf Seiten der Teilnehmer ist eine angemessene Mentalität unbedingt vorauszusetzen: wer meint, mehrere Termine wegen Urlaubes verlieren zu können, muß wissen, was er tut. Aus meiner Sicht bedeutet dieser Lehrgang eine unbedingte Urlaubssperre. Wer damit nicht leben kann oder will, hat ein Problem.

Mehr Rechnungswesen und Controlling

Schon in der Diskussion der neuen Prüfungsordnung haben wir die Ausweitung des Rechnungswesens konstatiert. Dies scheint im Rahmenstoffplan zu einer Konzentration auf Bilanzierung und Rating geworden zu sein (Abschnitt 2.2); das Risikomanagement, das seit 2005 in erweiterter Form auch für HGB-Gesellschaften verpflichtend ist, wird also endlich auch in angemessener Weise in den Lehrveranstaltungen berücksichtigt, bilanznah (z.B. Punkt 2.2.1.2 und 2.2.1.3) und ausführlicher finanzierungsbezogen in Punkt 3.3.6. Von Qualitätsmanagement ist dafür weit und breit fast nichts mehr zu sehen (nur noch ganze vier Unterpunkte zu Abschnitt 6.4). Ob das ein Verlust ist, mag jeder für sich selbst entscheiden. Wichtige QM- und TQM-Techniken wie FTA, QFD oder SPC lassen sich auch ganz gut im Bereich "Marketing" unterbringen.

Endlich auch Steuerrecht

Gerade in Hochsteuergebieten wie Deutschland gehört die Steuerpolitik zu den wichtigsten Tätigkeitsfeldern des Managements – und dem trägt der neue Rahmenstoffplan Rechnung. Auch hier gilt aber, daß die Basics der einzelnen Steuerarten vorausgesetzt werden – und Definitionen wie Aufwendungen und Kosten (Punkt 2.1.1.1) gleich mit. Das ist, ich weiß es wohl, starker Tobak. Dafür wird ein Schwerpunkt auf "steuerliche Gestaltungsmöglichkeiten" gelegt (Punkt 2.1.2), ein wahrlich weites Betätigungsfeld. Und ein Minenfeld für Prüfungsfragen und zugehörige Fallen.

Schmalspur-IFRS und inhärente Prüfungsrisiken

Ähnliches zeichnet sich bei Bilanzierung und Bewertung ab: so sind in 2.2.2 bis 2.2.4 sowie in 2.3 eine Vielzahl von bilanzpolitischen Instrumenten enthalten, die in ihrer Fülle aber kaum in die Tiefe auszuloten sind. Das läßt viel Spielraum für heftige Prüfungen, mit denen ja noch keine Erfahrungen bestehen. Hinsichtlich IAS/IFRS werden in 2.4.4 die Bereiche Herstellungskosten, Leasing, Rückstellungen und Verbindlichkeiten ausdrücklich als Inhalte genannt – und sind dann wohl die wahrscheinlichsten Kandidaten für Prüfungsfragen. Bedenkt man aber, daß das IFRS Bound Volume derzeit so ca. 2.500 Seiten stark ist und mehr wiegt als ein Ziegelstein, bringt das den Aufgabenlyrikern wohl auf Jahre hinaus Stoff für neue Überraschungen.

Abgehoben und abstrakt?

Der Controlling-Bereich ähnelt jetzt, sofern man das am Rahmenstoffplan sehen kann, eher den manchmal etwas abstrakten Büchern von Autoren wie Horváth; die Grunddefinitionen wie Auszahlungen, Ausgaben, Aufwendungen und Kosten, die uns bisher so viel Kurzweil bereiteten, werden vorausgesetzt. Budgetierung, Plankostenrechnung, Finanzplanung und eine Vielzahl anderer Methoden kommen dennoch vor, also genug Stoff für lange Nächte. Das sagt uns natürlich ganz im Vorbeigehen, daß Lerngruppen und elektronische Unterstützungen wie Foren und Chats ebenfalls noch wichtiger sind als bisher.

Extensivierung im Bereich "Recht"

Auch der rechtswissenschaftliche Teil ist verschärft worden. Neben BGB und HGB, insbesondere dem Recht der AGBs, Schuld- und Sachenrecht geht es jetzt im Wettbewerbsrecht, UWG, EU-Recht und insbesondere Arbeitsrecht. Die Handschrift der IG Metall, die an dem Stoffplan mitgewirkt hat, ist hier zu erkennen.

Modernisierte Außenwirtschaft

Das Fach heißt jetzt etwas schwerfällig "Auswirkungen makroökonomischer Aspekte globalisierter Märkte auf die Unternehmenspolitik", und der Titel ist Programm. Wirtschaftspolitik und Volkswirtschaft spielen eine größere Rolle als früher, und ob man in Zukunft noch wissen muß, warum "Said to contain" statt einfach "contains" auf dem Ladeschein steht, ist ungewiß. Akkreditive und der Rest gibt es jedenfalls immer noch im Rahmenstoffplan (Punkt 5.3.3), aber das Fach hat jetzt das Zeug zu viel mehr Aktualität und Wirklichkeitsnähe. Das aber bedeutet auch viel weniger Vorhersagbarkeit bei Prüfungen.

Wenig Änderungen im Bereich "Unternehmensführung"

Einzig hier sind die Änderungen eher kosmetischer Natur; "Ethik der Unternehmensführung" ist jedoch neu hinzugekommen. Ökologiemanagement ist leider nicht den Weg des Qualitätsmanagements gegangen, also de facto fortgefallen, wurde aber immerhin geschrumpft. Das gleiche Schicksal hat das ehemalige Fach "Projektmanagement" ereilt, das jetzt nur noch der Wurmfortsatz zur "Unternehmensorganisation" in Kapitel 7 ist. "Personalmanagement" ist in Kapitel 8 zwar noch zwei Seiten schwer, aber möglicherweise kein wirkliches Problem.

Der langen Rede kurzer Sinn

Die Sache wird schwerer und besser, aber die dafür zur Verfügung stehende Zeit nicht länger. Man kann also zwei Schlüsse ziehen: erstens müssen die Teilnehmer sich mehr Zeit für die Veranstaltung nehmen. Tun sie dies nicht, setzen sie eine Menge Zeit und Arbeitskraft in den Sand. Veranstaltungen, bei denen die letzten zwei Stunden nach Beginn kommen und kurz danach der erste geht, darf es nicht mehr geben. Ob die Autobahn voll ist und die Arbeit zu viel Zeit fordert, interessiert mich dabei nicht: wer sein persönliches Zeitmanagement nicht so einrichten kann, daß er die Lehrveranstaltungen lückenlos mitnimmt und jeden (!) Termin nachbereitet, hat vermutlich kaum eine Chance. Auf der anderen Seite sollten die Kammern die Zugangsvoraussetzungen enger auslegen als sie es bisher vielfach tun: der neue Stoffplan fordert Grundkenntnisse insbesondere im Bereich des Rechnungswesens. Die Dozenten können nicht mehr die Grundlagen der Bilanzierung vermitteln, dafür fehlt einfach die Zeit. Werden Teilnehmer zugelassen, die dies brauchen, nützt das niemandem. Im Bereich des Rechnungswesens ähnelt der Lehrgang jetzt vielfach dem Bilanzbuchhalter; die Managementbereiche setzten praktisch notwendig eigene Erfahrungen voraus, um die Inhalte verstehen und mit Leben füllen zu können.

Das Experiment der Kämmerlinge

Die Sache ist insgesamt ein Experiment – das, wie es Experimenten nunmal eigen ist, auch scheitern kann. Die Kammern müssen meiner Ansicht nach die richtigen Leute finden, und das bedeutet vermutlich, Zugangstests einzuführen. Der Kurs hat dann das Zeug, sich zu einer heftigen Managerschulung mit hohem Karrierepotential zu mausern. Fehlt die Disziplin, Kandidaten mit zu geringer Qualifikation abzuweisen, sind Konflikte aller Art mit überlasteten Dozenten und scheiternden Teilnehmern vorprogrammiert, denn nach bisherigem faktischen Niveau wird versucht, zu viel in zu wenig Zeit zu packen. Das aber geht, so die langjährige Dozentenerfahrung, oft nach hinten los. Die Kammern müssen also angemessen reagieren, bei vorausgesetzten bzw. geforderten Dozenten- wie bei Teilnehmerqualifikationen. Ob sie die dazu nötige Disziplin haben, bleibt abzuwarten.

Links zum Thema

Geprüfter Betriebswirt: neue Verordnung, neue Prüfung – neues Spiel, neues Glück (interner Link) Die neue Verordnung im BGBl (externer Link)

Das könnte dich auch interessieren...