Die Rache der Bockwurst, oder von der Systemkrise der Softwareindustrie

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Softwarepiraterie ist ein Problem, das offenbar nicht in den Griff zu kriegen ist. Die immer wieder vom Netz genommenen und doch immer wieder neu erscheinenden Hackerseiten haben jedoch auch eine Dimension, die in der öffentlichen Debatte bislang geflissentlich totgeschwiegen wird: sie verweisen auf die Systemkrise der Softwareindustrie. Schauen wir der Sache also mal unter die Benutzeroberfläche:

Legende ist die Bockwurst-Seite, auf der ab 2003 hunderte von Programmen einfach so heruntergeladen werden konnten – darunter teure Produkte wie Autodesk AutoCAD oder fast die ganze Produktlinie von Herstellern wie Adobe Systems oder Macromedia. Die Seite wurde von einem Abiturienten betrieben, der daf�r dem Vernehmen nach zu 513.000 Euro Schadensersatz verurteilt wurde.

Das war ihm aber offenbar keine Lehre, denn wenig später setzte er Coredown.to auf, eine Seite gleicher Funktion, nur noch größeren Inhaltes. Angeblich in Kazan in Tatarstan, Rußland gehostet war die Seite lange Zeit für deutsche Behörden unerreichbar – was den besagten Abiturienten aus Rügen dazu inspirierte, die Arknova aufzusetzen, die dritte und bisher beste Inkarnation der ehemaligen Bockwurst, die damit vielfach fortlebt – ganz wie wir vorhergesagt hatten. Sogar ein eigenes Downloadsystem hat der Mann unterhalten, Silo.ru, jetzt ebenfalls nur noch ein Schatten seiner selbst. Bis zu 2.000 Euro soll das pro Tag eingebracht haben, und den Neid seiner nicht minder illegalen Mitbewerber. Und jetzt die Untersuchungshaft.

Inzwischen sind alle genannten Seiten off oder ohne illegalen Inhalt, so daß darüber zu berichten erlaubt ist – denn sogar die Nennung solch illegaler Seiten wäre an sich nach neuem Urheberrecht alleine schon strafbar. Verhindern kann man sie dennoch nicht, denn die Mundpropaganda funktioniert auch im Netz, und es gibt längst neue Angebote ganz ähnlicher Art – und eine ganz andere Quelle illegaler Inhalte, die bisher anscheinend noch nicht von Polizei und Staatsanwälten entdeckt worden ist. Mit der Keule des Gesetzes Urheberrechtsverstöße ahnden zu wollen gleicht also dem Versuch, eine Pfütze mit Faustschlägen trockenlegen zu wollen. Und das bringt uns zum tieferen Problem.

Alle Bockwurst-Produkte hatten nämlich einen Crack und/oder einen Aktivierungsgenerator, mit dem die illegale Software nicht nur installiert, sondern auch dauerhaft benutzbar gemacht ("aktiviert") werden konnte. Dies zeigt, wie sehr der Versuch der Softwareindustrie gescheitert ist, durch zwangsweise rechnerbezogene Freischaltung der Produkte eine gesetzeskonforme Nutzung zu erzwingen. Und auch die TCPA-Chips, über die wir vor fast auf den Tag genau vier Jahren berichteten, die sogar eine Zensur von Rechnerinhalten erlaubt hätten, scheinen auf absehbare Zeit nicht zu kommen – solche Rechner wären unverkäuflich. Unsere damalige Prognose des Scheiterns scheint also einzutreffen, bevor die Sache überhaupt mit Windows Vista richtig in Schwung gebracht werden kann.

Und die Zeit und die technische Entwicklung arbeiten gegen die Softwarehersteller: schon auf der Arknova konnte man mehrere Produkte im Gigabyte-Kaliber abholen, legal, illegal, scheißegal – und mit immer schnelleren DSL-Anschlüssen auch kein technisches Problem mehr. Und die Strafverfolger haben Monate gebraucht, die Seite zu finden – und sie angeblich erst nach einem Tip aus der Szene auch wirklich hochnehmen können. Und das Netz wächst weiter und die Zugänge werden noch schneller: schon jetzt lassen sich auch Filme in DVD-Qualität in weniger als ihrer eigenen Laufzeit herunterladen, bald sind es nur noch ein paar Minuten. Das ist ein Dammbruch, gegen den jede Polizei der Welt machtlos ist.

Wir brauchen, so die einfache Lehre, ein ganz anderes Lizenzmodell – denn immer härtere Schutzmaßnahmen sind ganz offenbar keine Lösung. Auch noch bessere Gesetze werden Hacker wie Filesharer ganz offenbar nicht von ihrem "illegalen" Tun abhalten, auch wenn die Politik das noch nicht lernen will. Wir kommen, so lehrt die Bockwurst all jene, die lernen wollen, um OpenSource nicht herum. Informationen werden zu einem freien gut, ob legal oder illegal, man kann das nicht verhindern. Nur verzögern. Derzeit soll übrigens das Urheberrecht wieder mal verschärft werden: bis zu drei Jahre Haft (!) für das "illegale" Kopieren einer Musik-CD. In Berlin hat man also noch nichts dazugelernt. Einstweilen entstehen schon wieder neue Downloadportale, eines besser als das andere, eines illegaler als das andere. Mal sehen, ob man eine ganze Nation einsperren kann. Ausprobiert wurde das ja schon, jedenfalls im Osten Deutschlands.

Links zum Thema: Vom vielfachen Fortleben der Bockwurst | Neues Urheberrecht tritt in Kraft | TCPA: Auf dem Weg in die totale Kontrolle | TCPA: Eine Prognose des Scheiterns | Das Urheberrecht kriegt den zweiten Korb | Urheberrecht: wer zu heftig zuschlägt… | Die Buchhaltung unter Vormundschaft, oder von harten Sitten im Softwaregewerbe | Über die Krise der Softwareindustrie (interne Links)

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