Marketing: Der hosenlose Löwe, oder von fortgesetzten deutschen Identitätsproblemen

Teilen

Corporate Identity Schemata sind für die unternehmerische Selbstpräsentation außerordentlich wichtig. Formen, Farben, Schriftarten und Symbole wollen wohlüberlegt sein: so steht bekanntlich Rot für Liebe aber auch für "Achtung!" oder "Gefahr!", die Post ist bekanntlich vergilbt und wer wissen will, wie es zu dem bekannten Logo der Bayerischen Motorenwerke gekommen ist, die einst Flugmotoren für den Zweiten Weltkrieg baue, der setze sich in eine Einmotorige und schaue im Flug durch den Propeller – Entdeckung!

Auch Tiere sind wichtig. So stehen Bienen bekanntlich für Fleiß, Esel sind nicht nur geduldig, sondern sie scheißen (bisweilen auch digitale) Golddukaten und der Löwe, bekanntlich der König der Tiere, steht für Kraft, Eleganz, Dynamik und Herrschaft. Na ja, meistens.

Auch Länder und Staaten haben ihre Symboltiere, so etwa die USA den Seeadler, die Berliner bekanntlich den Bären und die Deutschen den Bundesadler, der das Bundeswappen ziert aber auch alle Steuerbescheide. Der steht für Scharfsicht und Weisheit und hat eine lange Tradition, bis zurück zu Karl dem Großen. Der übernahm den Raubvogel nämlich von den Römern, so daß der Adler zum Symbol des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation wurde. Solche Symbole sitzen tiefer im kollektiven Bewußtsein als die jeweiligen Systeme der Zeit, denn der Adler schleppte die angeblich Tausend Jahre von 1933 bis 1945 sogar das Hakenkreuz und hat es dennoch regimeübergreifend bis auf die Euromünzen der Gegenwart geschafft. Nur Fußball spielt er nicht.

Das ist, wo Goleo VI ins Spiel kommt, offensichtlich also den sechsten Schöpfungsversuch eines überaus häßlichen Wesens, das an eine Mischung aus Muppet Show und schlabberigem Schlafanzug erinnert und allen Ernstes das Maskottchen der Fußball-Weltmeisterschaft sein soll, die in wenigen Tagen mit aller Gewalt über uns schwappt. Nicht Macht, Stärke und Dynamik kommuniziert die Mißgeburt, sondern Dummheit und Tappsigkeit mit aufgerissenem Maul und hängender Zunge eine Witzfigur eher als der König der Tiere. Alf wirkt seriös daneben.

Dabei ist die Idee mit dem Löwen eigentlich nicht schlecht: schon die Briten hatten World Cup Willie als Maskottchen zur WM 1966, eine kraftstrotzende, mächtig daherschreitende Figur, die Siegeswille und grimmigen Kampfesmut kommunizierte. Goleo dagegen wirkt eher komödiantisch. Ein Clown zur WM, und einer ohne Hirn dazu: Goleo nämlich braucht Pille, den sprechenden Fußball. Selbst denken kann er offenbar auch nicht.

Interessanter noch ist, was ganz offenbar und sichtbar fehlt, und das sind der Penis und die Hose, wobei das Fehlen des Ersteren nur wegen der Abwesenheit der Letzteren offenbar wird: den "Arsch in der Hose" haben sagt man volkstümlich für Mut und Entschlossenheit, wozu Goleo ganz offensichtlich mangels Hose nicht imstande ist. Was er noch nicht kann ist freilich, was in der vergreisenden Deutschen Nation in der Tat viel zu selten gemacht wird, und insofern ist Goleo ein Volltreffer, nur eben kein fußballerischer.

Das aber läßt tief blicken, denn auch ein Menschenalter nach dem Zweiten Weltkrieg haben wir immer noch nicht unsere Kollektividentität repariert. Den Adler kann man noch immer nicht "wagen", und die deutschen Farben anscheinend erst Recht nicht, trug "World Cup Willie" einst doch deutlich die britische Fahne, wie fast alle Fußballmaskottchen die Farben ihrer jeweiligen Herkunftsländer präsentierten. Nur "Goleo" kann das nicht.

Wir haben, so die wahre Botschaft der Mißgeburt, noch immer nicht wieder zu uns gefunden. Wir sind noch immer nicht wieder, was wir einst waren. Nämlich fleißig, treu, hart arbeitend und tief denkend, in einem Wort, stark, mächtig und siegreich. Selbst im Fußball nicht, wo es bekanntlich nicht auf das reine Mitmachen, sondern am Ende nur auf das Siegen ankommt. Und schlimmer noch, wir sind nichtmal in der Lage, eine offensichtlich tiefgreifende Identitätskrise so zu kaschieren, daß sie nicht die ganze Welt auf dem Silberteller serviert bekommt. Ein Armutszeugnis. Hitlers Schatten sind lang, sogar im doch sonst eher unpolitischen Sport.

Links zum Thema: Werbung, Verkaufsförderung, PR (interner Link) | FIFA-Homepage (externer Link)

Ähnliche Themen, die Ihnen gefallen könnten