Kleiner Ratgeber für Dozenten: Gute Zeiten, schlechte Zeiten

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Will der Lehrkörper nicht zu einem Leerkörper werden, so muß er sich an den Markt anpassen. Das setzt voraus, gute und schlechte Zeiten vorhersagen zu können – und eine entsprechende Anpassungsstrategie zu entwickeln. Marketing ist nicht alles, wir wissen es genau, aber ohne Marketing ist alles nichts. Schauen wir mal nach, warum das so ist:

Unter Helmut Kohl gab es eine einfache Regel, die man mit Vorteil beherzigte: das Jahr vor der Wahl ist eine Katastrophe, aber im Wahljahr selbst werden die Geldschleusen wieder geöffnet. Das war 1993/94 so, und 1997/98 nicht anders, man konnte sich also drauf einstellen. Erst Rot-Grün brachte einen grundlegenden Wandel, denn unter Schröder war jedes Jahr ein mittleres Jahr: schlechter als das vorhergehende aber noch besser als das kommende Jahr. Und Angela "Angie" Merkel scheint, sofern man das bisher sagen kann, in dieser Hinsicht die rot-grüne Linie fortsetzen zu wollen. Auch sie schwafelt von Investitionen in die Bildung, aber auch sie tut nichts für Qualifikation und Lernen – außer, die Mittel noch weiter zu kürzen.

Insgesamt sind das schlechte Nachrichten, denn der Dozent hat wenig Möglichkeiten, den Markt zu beeinflussen, weil so viel, oder fast alles, von staatlichen Wohltaten oder deren Verweigerung abhängt. Teilnehmer, die selbst einen Dozenten als Coach zur Prüfungsvorbereitung engagieren, oder Mitarbeiter, die für sich selbst Fortbildungen organisieren, sind leider sehr selten – und oft noch nichtmal gerne gesehen. Kann man aber mangels Mitteln auch mit der schönsten Marketing-Aktion keine Auftrage mehr an Land ziehen, so muß man diversifizieren.

Während man im Produktmanagement unter Differenzierung die Sortimentstiefe versteht, also die Zahl der Varianten im Prinzip gleichartiger Produkte, ist Differenzierung die Einführung neuer Arten von Gütern oder Leistungen, also die Breite des Sortiments. Für den Dozenten kann das bedeuten, in schlechten Zeiten Taxi zu fahren oder zu kellnern, oder er kann das auch ein wenig geschickter anstellen.

Die Lehrbücher behaupten, Differenzierung und Diversifikation seien inkompatibel. Man könne, so die herrschende Meinung, sich nicht gleichzeitig spezialisieren und in neue Märkte ausbreiten. Das aber halte ich für falsch, und ich bin selbst der beste Gegenbeweis.

So habe ich Internationales Rechnungswesen unterrichtet, und zugleich zwei Bücher darüber geschrieben: kann ich es nicht unterrichten, so kann ich noch immer darüber schreiben. Zugleich habe ich aber auch immer wieder Übersetzungsaufträge aus diesem Bereich abgewickelt – für einen ausgezeichneten Auftraggeber, den ich hier freilich nicht nenne. Und, auch das ein neuer Produktbereich, auch Programme in dieser Richtung habe ich entwickelt – als Teil einer individuellen Beratungsleistung, bei der ein bestimmtes Problem zu lösen war. All diese Dinge spielen sich auf verschiedenen Märkten ab, sind einander aber doch so ähnlich, daß sie voneinander profitieren – und zwar in beide Richtungen: ich kann nämlich nicht nur schöne Datenbanken zaubern, sondern dieses auch unterrichten. Zwischen den Tätigkeitsbereichen besteht also eine Synergie – Differenzierung und Diversifikation sind damit kombiniert.

Wer etwas kann, der tut es, so behauptet der Volksmund, und wer etwas nicht kann, der unterrichte es. Heute ist es umgekehrt: wer etwas unterrichtet, muß es auch können – oder untergehen. Kaum noch irgendwo gibt es Vollzeitjobs mit eingebauten Privilegien, wie einst zu Zeiten der verbeamteten Lehrkräfte: wer heute noch als Dozent überleben will, muß mehrere Jobs haben.

Das ist gar nicht mal unbedingt schlecht, denn Probleme, und derer gibt es im Lehrgewerbe wahrlich genug, sind bekanntlich dazu da, gelöst zu werden. Das ist, wo persönliches Marketing und individuelles Produktmanagement die Fortsetzung der Lehrtätigkeit garantieren: Wenn Herr Lehrer nämlich nebenbei programmiert und berät (oder der Programmierer oder Berater nebenbei lehrt), dann profitiert das Eine vom Anderen, und zwar mehr, als es zu alten Beamtenzeiten je möglich gewesen wäre. Nur nebenbei Kellnern oder Taxi fahren nützt der Lehre wenig.

Links zum Thema: Schröder: »Milliarden für die Bildung« | Der heimliche Betriebswirt: über die Weitsichtigkeit einiger Arbeitgeber | Schröder, das Gutenberg-Gymnasium und die stabilisierende Wirkung von Amokläufen | Lehrermangel: warum kaum noch jemand Pauker werden will | Kleiner Ratgeber für Dozenten: wie man an Lehraufträge kommt | Kleiner Ratgeber für Dozenten: es kann vorkommen, daß die Nachkommen mit dem Einkommen… | Stellvertretend für viele: ein Leserbrief zum Thema (interne Links)

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