Erfurt, oder das Finanzamt, das Millionäre macht

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Falls Sie mich persönlich kennen, dann vergessen Sie mich nicht. Sie kennen jetzt nämlich den Geldadel. Wer mich kennt der weiß, wie es ist, einem Millionär die Hand zu drücken. Aber vergessen Sie das Gefühl nicht, denn es ist nicht von Dauer. Doch immer schön der Reihe nach:

Eines kalten Dezembermorgens wird in meinem Briefkasten ein grauer Briefumschlag entdeckt, einen Steuerbescheid enthaltend. Dieser war mir fürsorglich von meiner Obrigkeit an meine armselige Hütte zugestellt worden, doch mit der kleinen Einfamilienhütte ist es bald vorbei. Ich bin jetzt eines Schlosses würdig, und das habe ich amtlich. Vom Finanzamt. Dem, das Millionäre macht.

Dieses hat nämlich fast allen meinen Anträgen stattgegeben, sogar meine sämtlichen im Veranlagungszeitraum gekauften Bücher wurden anerkannt, und natürlich meine geringwertigen Wirtschaftsgüter, die, jeweils einzeln unter 410 Euro an Wert, recht zahlreich meinen Schreibtisch bevölkern: Netzwerk-Hub, PDA, Mobiltelefon undsoweiter. Gut, ein Sieg auf fast der ganzen Linie, denke ich. Doch der Mensch denkt und Gott lenkt, aber der Steuerpflichtige dachte und der Finanzbeamte lachte: Dann nämlich fällt mein Blick auf die Zahl 11.797,20 € in Worten Elftausendsiebenhundertsiebenundneunzig Euro und zwanzig Cent. Die Zahl beschreibt, was ich nachzahlen soll. Nachzahlen… Umpf! Und ein paar Zeilen weiter unten finde ich eine nachträglich festgesetzte Vorauszahlung für das laufende Jahr in nicht minder intensiver Höhe, zusammen locker im Wert eines kleineren Mittelklassefahrzeuges. Aargh!

Nachdem sich mein Blutdruck wieder normalisiert hat beginne ich, nach den Ursachen zu forschen. An den geringwertigen Wirtschaftsgütern dürfte es nicht liegen, denn diese sind ja geringwertig, ganz im Gegensatz zu meiner Steuerschuld. Auch aus den Erläuterungen werde ich nicht recht schlau, denn sie enthalten nur, was man mir schon vorher im Rahmen einer veranlagungsbedingten Nachschau kund und zu wissen tat, und das wäre nur für ein paare hundert Euro gut, nicht für ein paar Zehntausend. Doch dann entdecke ich große Zahlen, die mir doch eher unbekannt vorkommen, und finde, daß mein Einkommen sich offenbar verdoppelt hat. Ganz wie von selbst hat über Nacht die wundersame Geldvermehrung stattgefunden, anscheinend durch doppelte Eingabe recht einfacher Zahlen. Das also ist der Kern: einst hielt ich mich für ziemlich mittellos. Jetzt bin ich reich, und das mit amtlichen Brief, Siegel und Thüringer Staatswappen oben drüber. Bleiben Sie mir also erhalten, denn Sie kennen jetzt den Geldadel dieses Landes. So einfach ist es also, zu den Neureichen zu gehören.

Sie wissen schon, wie man die erste Millionen verdient: richtig, ehrlich währt am längsten. Wie wahr, denn ganz unehrlich bin ich reich geworden. Und das, so steckt mir ein seit langem befreundeter Steuerbrater, sei keine Seltenheit: Tippfehler und Doppeleingaben bei der Datenerfassung wären eher häufiger als solche beim Verfassen von BWL-Boten-Artikeln. Das passiere nunmal, man müsse halt den "üblichen Weg" beschreiten. Also schreite ich zur sachgerechten Abfassung eines ausführlichen Einspruches nebst Antrag auf Aussetzung der Vollziehung voller Paragraphen und Richtlinien, und hoffe klammheimlich, daß der Aussatz all jene treffen möge, die solche Fehler machen. Und damit die Steuer mich nicht brät, muß ich wohl auch noch meinen Lastschriftauftrag sperren. Das haben die nun davon.

Ich habe schonmal Steuern gezahlt, und das hat mir nicht gefallen. Also beantrage ich mich wieder arm, denn es lebt sich doch entschieden angenehmer in einem kleinen Einfamilienhäuschen aber ohne außergewöhnliche Belastungen durch Steuerbescheide mit Sonderausgaben. Mal sehen, wie lange die Finanzbeamten brauchen, ihren Fehler einzusehen. Diesmal werde ich wohl ein wenig drängeln, denn eine kleine Festgabe könnte ich gut gebrauchen: zum Beispiel in Gestalt eines Briefleins in meinem Briefkasten, enthaltend einen Steuerbescheid über eine Nachzahlung von nur vierhundert Euro, ganz so wie einst erwartet. Also einer dieser Briefe an mittellose Steuerpflichtige.

Aber vielleicht rechnet das Finanzamt ja auch mit Microsoft® Access®. Das würde nichts entschuldigen aber vieles erklären. Grrr!

Links zum Thema: Microsoft® Access® rechnet falsch: richtig heftiger Fehler gefunden! | Der seltsame Humor der Betriebswirte: Bewertungs- und Bilanzierungsregeln (interne Links)

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