Über die Alpen zum Lernerfolg, oder wie Betriebswirte Berge besteigen

Teilen

 

 

Besonders Arbeitnehmer absolvieren Lehrgänge wie "Betriebswirt/IHK" oder "Technischer Betriebswirt", um sich beruflich zu verbessern. Die Diskussionen über Wert oder Unwert der einzelnen möglichen Zeugnisse und Zertifikate sind daher zahlreich und kontrovers. Um dieser Zielgruppe zu genügen, werden solche Lehrgänge oft berufsbegleitend an Wochenenden oder Abenden angeboten. Hier überschätzen sich aber viele Kandidaten und scheitern an dem Zeitbedarf des begehrten Abschlusses.

Ohne Zusatzeinsatz geht nichts

Zumeist gibt es eine bestimmte Zahl von Stunden, die in Präsenz absolviert werden, und denen ein Lehrplan unterlegt wird. So habe ich im Lehrgang "Betriebswirt/IHK" ganze 100 Stunden für die Schwerpunkte der angewandten Betriebswirtschaft, was "Marketing" und "Controlling" umfaßt. Schon die Abgrenzung der Begriffe "Auszahlung", "Ausgaben", "Aufwendungen" und "Kosten" wirklich in die Tiefe zu vermitteln, dauert mehrere Tage – die ich in diesem Lehrplan aber nicht habe. Es ist also absolut unerläßlich, daß die Teilnehmer sich zwischen den Terminen privat oder an neutralem Ort treffen – wobei auch Hinterzimmer von Kneipen für alkoholfreie Lernzirkeltreffen taugen. Eigentlich sollte die Lehrveranstaltung nur noch dazu dienen, schon grundsätzlich geistig verdaute Wissensgebiete zu festigen und Fragen zu klären – jedenfalls bei so knapper Zeit, wie es nunmal bei berufsbegleitenden Maßnahmen der Fall ist. Da aber liegt der sprichwörtliche Hase im Pfeffer.

Den Risikofaktor unterschätzt

Jeder Arbeitnehmer ist ein Risikofaktor, weil er Kündigungsschutz hat und also remanente Fixkosten verursacht. Fixkosten sind bekanntlich Kosten, die von einer Leistung nicht abhängen – wie zum Bleistift Gehälter aber auch Monatslöhne -, und remanente Kosten sind solche, die nach Ende eines Einsatzes zurückbleiben: zum Beispiel, wenn es für den Arbeitnehmer nichts mehr zu tun gibt, aber das Gehalt weiter gezahlt werden muß. Da die Debatte über die Abschaffung des Kündigungsschutzes im gegenwärtigen bleiernen Stillstand in Deutschland erfolgreich versackt ist, neigen Arbeitgeber dazu, viel zu wenige Leute einzustellen und die (noch) vorhandenen Arbeitnehmer gnadenlos mit Überstunden zuzupflastern, wobei sie sogar die herrschende Meinung und ständige höchstrichterliche Rechtsprechung im Rücken haben. Was bedeutet, daß wer ein Arbeitsverhältnis hat, in der Regel viel mehr Arbeit hat als im Tarif- oder Arbeitsvertrag steht. Und damit beginnen die Probleme.

Durch die Alpen zum Lernerfolg

Bedenkt man, daß manche Kandidaten den Lehrgang sogar gegen den Willen ihres Arbeitgebers absolvieren, weil dieser wohl einen weniger qualifizierten und damit billigeren Arbeitnehmer einem kompetenten Partner und potentiellen Konkurrenten vorziehen, suchen viele ihr Heil bei formalen Zeitmanagementmethoden. Die ALPEN-Methode ist so ein Beispiel: Aufgaben zusammenstellen, Länge der Tätigkeiten schätzen, Puffer reservieren, Entscheiden und Notizen anfertigen soll zu besserer Disziplin und zu höherer Effizienz führen – was ich zwar eher bezweifle, aber meine Zweifel äußere ich nicht so laut, weil die Alpen sogar zum Betriebswirte-Stoffplan der Kämmerlinge gehören.

Von Schweinen und anderen Hunden

Am Ende ist die einfache Wahrheit, daß immer der innere Schweinehund der größte Gegner ist, und den zu besiegen ist bekanntlich angesichts massiver Freizeitangebote und schon in Klassenräumen verlorener Wochenenden besonders schwer. Das ist der Berg, den der Betriebswirt zwecks Erlangung des begehrten Scheines besteigen muß, und der steht nicht in den Alpen – denn zum Erfolg gibt es keinen Lift, man muß immer die Treppe benutzen. Dies aber ist der Ratschlag, der gegeben werden kann: Anwesenheit in den Lehrveranstaltungen reicht nicht. Ich muß als Dozent erwarten, daß die der Veranstaltung zugrundeliegenden Skripte und Bücher vor Beginn der Veranstaltung gelesen und die Lehrinhalte zwischen den Terminen wiederholt werden. Wer sich an diese einfache Regel nicht hält, den sehe ich oft wieder – in der Wiederholungsprüfung. Das sagen einem die Kämmerlinge oder sonstigen Leergangsveranstalter zwar meist nicht in den Infoveranstaltungen, aber ich tue das – und halte es für nichts anderes als fair.

Links zum Thema

Arbeitsrechtlicher Kündigungsschutz fundamental in Frage gestellt | Der heimliche Betriebswirt: über die Weitsichtigkeit einiger Arbeitgeber (interne Links)

Literatur

Zingel, Harry: "Lehrbuch für Prüfungsteilnehmer. Schriftliche und mündliche Prüfungen erfolgreich überstehen", 14,8 x 20,9 cm, 136 S., 14,80 EUR, ISBN: 3-937473-06-8, Amazon.de | BOL | Buch.de. Dieses Buch befindet sich auch als PDF auf der BWL CD.

Ähnliche Themen, die Ihnen gefallen könnten