Lehrermangel: warum kaum noch jemand Pauker werden will

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Die Nachrichtennetzwerke berichten heute, daß zum Beginn des neuen Schuljahres 10.000 Lehrer fehlen. Die seit Jahrzehnten überfüllten Wartelisten für Pädagogen hätten sich inzwischen vollständig geleert und einem massiven Nachwuchsmangel Platz gemacht, der sich schon durch alle Schularten zieht. Das Kultusministerium in München habe sogar schon die Einstellungsvoraussetzungen gesenkt und versuche, mit Einstellungszusagen vor dem Examen Bewerber frühzeitig an den Staat zu binden. Auch eine Frühverbeamtung sei jetzt möglich, allerdings ein Weg in eine trügerische Sicherheit. Warum aber will keiner mehr Pauker werden?

Ich bin jahrelang als Dozent tätig gewesen, und kenne von Kollegen auch die Eigenheiten des Staatslehrerjobs – wenn auch nur an Berufsschulen. Aber das ist frustrierend genug: Kommen und Gehen nach Belieben, Drogen, Gewalt, Diebstähle und lustlose Schüler, deren Vorbilder so gar nichts mit Fleiß, Arbeit und Lernen zu tun haben machen den Lehrerjob zu einem verlorenen Posten. Ich selbst kenne Berufsschulklassen, in denen ich in der ersten Reihe nicht mehr zu verstehen und in der hintersten nicht mehr zu hören war – und Schüler, die sich wochenlang jeglicher Beteiligung am Unterricht verweigern, aber statt dessen von der ersten bis zur letzten Stunde Klingeltöne anhören. Und hier sind dem Lehrer Maßnahmen verboten, allen Ernstes.

Das liegt nicht nur daran, daß Bildungsfirmen bei den derzeitigen Verknappungsmaßnahmen auf jeden Schüler angewiesen sind und daher selbst nach Diebstählen und Sachbeschädigungen niemanden rauswerfen, sondern auch daran, daß schon bei kleinen Eingriffen in die persönlichen Klingeltonfreiheiten der Schüler dem Lehrer Strafverfahren drohen: und ich meine weder die Ohrfeige noch den altbekannten Rohstock (denn beides gibt es zum Glück schon lange nicht mehr), sondern nur das Konfiszieren von Handys und Gameboys, denn selbst bei massier Störung des Unterrichts setzt er sich durch Einkassieren einschlägiger Geräte dem Vorwurf der Sachbeschädigung aus. Wie aber soll ein Lehrer auf die Härten des Lebens vorbereiten, wenn er nicht erziehen darf?

Auch Gewalt gegen Sachen oder Lehrkörper ist ein Thema, und ich meine nicht (nur) den Extremfall am Erfurter Gutenberg-Gymnasium vor drei Jahren. Das (Berufs)Schüler ihren Lehrern für schlechte Noten körperliche Gewalt androhen, ist ein Tabuthema in Lehrerzimmern wie in Kultusministerien – wo statt dessen die altbekannten sozialistischen Gesamtschulexperimente aus der Brandt-Ära noch immer fortgeschrieben werden. Mengenlehre statt Rechnen, "Sprache der Werbung" statt Deutsch, SMS statt Latein oder "Lyrik des Barock" statt Programmiersprachen – und das in maroden Schulgebäuden, denen die selbstverständlichsten Einrichtungen oft fehlen. Nicht gerade ein erfüllter Arbeitstag für Lehrkräfte! Ich sitze selbst gerade da ich diesen Artikel in der Mittagspause entwerfe in einem Klassenzimmer, das seit dem Ende der DDR keine Handwerker mehr gesehen hat, aber eine Sanierung gründlich nötig hätte. Dafür funktioniert die Heizung, auch bei schwülen 29°C Außentemperatur, und läßt sich nur unzureichend abstellen. Wir fürsorglich! Eine Zumutung für Lehrer wie Schüler gleichermaßen.

Aber selbst das einst so gepriesene Beamtenverhältnis ist offenbar nicht mehr sehr verlockend, denn sonst gäbe es ja mehr Bewerber. Berufseinsteiger glauben offenbar den vollmundigen Versprechungen lebenslanger Vollversorgung nicht mehr, und fürchten offenbar auch angesichts ständiger Sparorgien baldige und häufige Versetzung (der sie aufgrund der erweiterten beamtenrechtlichen Treuepflicht Folge leisten müßten), am Ende sogar in die Neuen Deutschen Schutzgebiete (wie z.B. in Afghanistan, wo der Drogenanbau unter deutschem Schutz steht) oder, Gott Behüte, in die Neuen Bundesländer, wo nichts mehr unter Schutz steht.

Insgesamt manifestiert sich am Lehrermangel die offensichtliche Geringschätzung des Staates für Schule und Lernen und damit die Verachtung der Bildung, was freilich nicht wundert, denn wofür sich mit Lehrbüchern und Prüfungen quälen, wenn sogar ein berufsloser Taxifahrer ohne Ausbildungsabschluß aber dafür mit Kleinkriminellenkarriere Außenminister werden kann? Während der Schröder noch von »Milliarden für die Bildung« schwafelt, verfallen die Schulen, sterben die Bildungsfirmen und fehlen die Lehrer, die auch als freie Dozenten oft keine Jobs mehr finden – oder denen allen Ernstes Honorare zwischen fünf und zehn Euro pro Stunde angeboten werden!

Die grünen Vordenker des ökosozialistischen Gutmenschentums behaupten, wir hätten die Erde nicht von unseren Eltern erworben, sondern von unseren Kindern geliehen. Genau das Gegenteil trifft aber auf die Bildung zu, die wir, Glaubt man dem inzwischen weithin unbekannten Wolf Johnny Goethe, von unseren Vätern erwerben, um sie zu besitzen – und weiterzugeben. Aber was wir nicht mehr erwerben, können wir auch nicht weiterreichen. Es wundert daher nicht, daß in einer Gesellschaft, deren Kulturprogramm aus Big Brother, dem Dschungelcamp und der Fußball-WM besteht, kein Platz mehr für eine ordentliche Schulausbildung ist. Wer will da noch Lehrer werden?

Und natürlich hat das eine einfache Folge: wer will in diese Welt noch Kinder setzen? Das freilich löst eines Tages das Problem auf ganz natürlich Weise. So sieht sie wohl aus, unsere Zukunft. Traurig aber wahr: wir leben am Ende der deutschen Geschichte. Vom Volk ohne Raum zu einem Raum ohne Volk in nur einem einzigen Menschenalter: das ist die letzte Wahrheit, die sich hinter der scheinbar so oberflächlichen Pressemitteilung verbirgt. Das ist, womit wir wohl fertigwerden müssen.

Links zum Thema: Handys, Quake und BMW: Erfahrungsbericht eines Dozenten | Schröder, das Gutenberg-Gymnasium und die stabilisierende Wirkung von Amokläufen | Latein in der Schule: vom modernen Nutzen einer alten Sprache | Endzeitstimmung bei den Bildungsfirmen | Schröder: »Milliarden für die Bildung« | Auch die CDU will die Bildung kürzen – aber warum? (interne Links)

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