New Orleans, oder das dünne Eis des Friedens

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Wir haben also wieder eine Flutkatastrophe, nur diesmal nicht in irgendwelchen fernen Winkeln der Welt, sondern mitten im Herzen der Mediengesellschaft, in den USA. Und mit wachsendem Unglauben beobachte ich, wie binnen kaum mehr als ein paar Stunden die öffentliche Ordnung einer einst so lockeren Stadt voller Musik und Lebensfreude der nackten Anarchie Platz macht. Was aber hat uns das zu sagen?

Die Stadtoberen von New Orleans und sogar die erst 2001 gegründete Heimatschutzbehörde sollen seit langem um die Gefahren gewußt, sie aber ignoriert haben. Sogar von einer "Katastrophe mit Ansage" ist die Rede. Während wir das nicht werten wollen, ist die Parallele mit Deutschland interessant, denn auch hier vergraben sich viele Köpfe immer tiefer in den Sand.

Nicht erst seit sich die Energiepreise überschlagen, ist Deutschland wenigstens auf diesem Gebiet Weltmeister, aber die parasitäre Kaste weigert sich beharrlich, die Ökosteuer endlich abzuschaffen und die Benzinsteuer zu senken. Selbst von der Merkelsteuererhöhung ist immer noch die Rede, obwohl das auch Energie noch weiter verteuert. Wo ist eigentlich der Unterschied zu Rot-Grün?

Bei Karl Marx war die Arbeit das, was die Natur veredelt, dem Menschen nutzbar und damit wertvoll macht, doch Marx hat die Energie übersehen. Die ist heute nämlich wichtiger. Wir verpassen also Marx ein kleines Update wenn wir feststellen, daß mit jeder Prozeßstufe der Wertkette von der Urproduktion bis zur Dienstleistung Energie ein notwendiger Faktor ist – selbst wenn es heute schon (fast) ohne menschliche Arbeit abgeht. Ein Produkt wird also nicht (mehr) dadurch wertvoller, daß es oft bearbeitet wird, sondern dadurch, daß mehr Energie investiert wird, um aus dem Erz ein Auto oder dem Schwein ein Kotlett zu machen. Die Energie ist nicht ein Anhängsel der Arbeit, sondern die Arbeit folgt der Energie. Das ist, in ganz groben Zügen, die moderne Version der marx'schen Produktionstheorie.

Und da kommen wir auf den Punkt: immer mehr Betriebe kriegen nämlich den Strom-Schlag, das heißt, müssen wegen zu hoher Energiekosten schließen. Das trifft längst den Mittelstand und nicht mehr (nur) Branchen wie die Aluminiumindustrie. Das Monster des Emissionshandels hat die Energie nicht nur (vorhersehbar) weiter verteuert, sondern auch und ebenfalls vorhersagbar eine Vielzahl von Jobs exportiert. Die Zahl von 8,6 Millionen Arbeitslosen, die vor gut einem Jahr die Wirtschaftswoche errechnete, dürfte daher inzwischen beiweitem überschritten worden sein.

Je schneller das Land aber verhartzt, desto drastischer werden die sozialen Unterschiede und damit die gesellschaftlichen Spannungen. Und das ist, wo man von New Orleans lernen kann, denn dort haben wir gesehen, wie schnell Mord und Totschlag zum Tagesbefehl werden. Hier haben wir aber keine plötzliche Flut, sondern eine selbstverschuldete, schleichende Not. Sobald der Grenznutzen von Plünderungen größer wird als der von Bewerbungen und Bettelanträgen, könnte die Situation auch hier umschlagen. Was noch keiner glauben will, weiß die politische Kaste sehr gut, und hat daher schon im Sommer 2004 Notstandsgesetze erlassen, was beweist, daß man mit dem Schlimmsten rechnet.

Ein Wahlsieg der Opposition dürfte da keine Abhilfe schaffen, denn Merkel hat schon zu erkennen gegeben, daß es keine spürbare Entlastung an der Energiepreisfront geben wird. Die EU-Kommission will dafür auch Fluggesellschaften in den Emissionshandel einbeziehen. Anscheinend hat man weder in Brüssel noch in Berlin dazugelernt.

Wie lange das noch gutgeht, ist schwer zu sagen. Aber was passiert; wenn es nicht mehr gutgeht, das kann man dieser Tage in den Fernsehberichten aus New Orleans begutachten. Ich hoffe, daß die parasitäre Kaste sich das gut anschaut – und dabei auch noch ein wenig nachdenkt.

Links zum Thema: Ökosteuererhöhung und Maut-Ausweitung geplant | 8,6 Millionen Arbeitslose – schon vor Beginn der Energierationierung | Wirtschaftssicherstellungsverordnung: Rot-Grün bereitet die Kommandowirtschaft vor | Erste Hinweise auf die energiepolitische Zukunft unter Merkel | Schluß mit Urlaub und Freiheit: Müssen Fluglinien bald »Emissionsrechte« erwerben? | Energierationierung für Heizungen wird schon vorbereitet | Wie der Emissionshandel den Strompreis in die Höhe treibt, und was man dagegen tun kann | Die innerbetriebliche Wertschöpfungskette: Unzeitgemäße Erwägungen | Die gesamtwirtschaftliche Wertschöpfungskette: mehr unzeitgemäße Erwägungen (interne Links)

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