Über die Sexualisierung der Gesellschaft, und was diese uns zu sagen hat

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Wie haben an dieser Stelle immer den Ansatz verfolgt, daß man etwas besser erkennen kann, wenn man es nicht oberflächlich anschaut, sondern die verborgenen Strömungen analysiert. Sie können als Symptome für künftige gesellschaftliche Entwicklungen betrachtet werden. Hans Sedlmayr betrachtete einst die Kunst als eine solche Symptomatik, und vor über 80 Jahren versuchte Oswald Spengler sogar eine Prognose der Geschichte – mit der er furchtbar Recht hatte. Wir begnügen uns an dieser Stelle mit einer wie üblich unorthodoxen Symptomkritik.

Vom Sinn der Enthaltsamkeit

In allen alten Religionen ist Askese, also der bewußte Verzicht auf Sinnesfreuden, ein Weg zu Gott. Mönche meditieren in Klosterzellen oder Höhlen und Gläubige beten: Kultur ruht auf Verzicht, d.h., auf Hoffnung und Glaube. In der Zeit, in der nach Spenglers Theorie der Umschlag von Kultur in Zivilisation stattfindet, also in Europa vor ca. 200 Jahren, wandelt sich die auf jenseitige Ziele gerichtete Enthaltsamkeit in eine innerweltliche Askese. Des vermittelnden Priesters beraubt, ohne den Glauben an die Wirksamkeit der Sakramente ganz auf sich gestellt, bildet sich zu Zeiten Calvins der Glaube heraus, Gott zeige sein Wohlgefallen durch Gewährung von Reichtum. Da niemand aber wissen kann, ob er zu den Auserwählten gehöre, wird harte Arbeit zu einer Form des Gottesdienstes – der Beginn des Kapitalismus, nachzulesen in Max Webers berühmter Studie über die protestantische Ethik und den Geist des Kapitalismus.

Basis und Überbau

Oberflächlich entgegengesetzt argumentiert Karl Marx, der im Rahmen seiner materialistischen Theorie postuliert, daß der gesellschaftliche und geistige Überbau sich über einer materiellen Basis erhebe. Das materielle Sein bestimme die Lebensumstände des Menschen, der die Welt durch Arbeit formen und seinen Bedürfnissen anpassen könne, also ganz im alttestamentarischen Sinne sich untertan machen könne. Der Jude Marx offenbart damit eine eigentlich biblische Denkweise, und, was im Rahmen dieser Analyse bedeutsam ist, eine Parallele zu Weber, denn in beiden gedanklichen Systemen verwirklicht sich der Mensch durch Arbeit. Auch wenn die jeweiligen Argumentationen verschieden sind (einige sagen, diametral entgegengesetzt), so haben sie doch die Gemeinsamkeit, die Arbeit und damit den Verzicht auf Sinnengenuß hochzuschätzen, denn ganz gleich ob man arbeitet, um Gottes Wohlschätzung zu gewinnen (Weber) oder aus der materiellen Basis gute Lebensbedingungen zu machen (Marx), man muß Verzicht leisten, Triebverschiebung, also Enthaltsamkeit.

Lustfeindlichkeit als Symptom

Es wundert nicht, daß ganz gleich welcher Theorie man den Vorzug gibt, eine tiefgreifende Lustfeindlichkeit notwendig folgt. Das läßt sich leicht beobachten: So galt die schwule Knabenliebe, also etwas, was wir heute als Pädophilie verurteilen würden, bei den Griechen als höchste Form der Liebe (und der Lust). Publius Aelius Hadrianus (76-138 n.Chr.), römischer Kaiser 117-138 n.Chr., baute für seinen Lustknaben gar eine Villa, die man heute noch in Rom besichtigen kann, unweit des Vatikans. Daß das Christentum strenge Regel für die Sexualität aufgestellt hat, erscheint im Lichte der oben umrissenen Erwägungen nicht als Zufall: Zölibat, Verbot der Priesterehe – das ist ein Teil der notwendgen Enthaltsamkeit. Aber auch in der Gesellschaft ist ein tiefgreifender Wertewandel eingetreten: ein Pädophiler zu sein ist einer der schwersten Vorwürfe, die man einem Menschen machen kann, und die Sexualstraftäter sind im Gefängnis nicht zufällig ganz unten in der Hackordnung, die übrigens von den Bankräubern angeführt wird, doch darüber lasse ich mich ein andermal aus. Wir können hier nur festhalten, daß eine gesellschaftliche Lustfeindlichkeit beide oben skizzierten Thesen bestätigt. Kein Wunder also, daß das Gunstgewerbe oft nahe der Kriminalität steht – Sex und Zuhälterei stehen nahe beieinander. Aber das ist nur im Westen so, nicht beispielsweise in Afrika. Ein Zufall?

Die Spaßgesellschaft

Gegenwärtig zeigt sich ein grundsätzlicher Wandel, der in den sogenannten 68ern genauso zu beobachten ist wie im bösen kohl'schen Wort vom kollektiven Freizeitpark, nämlich der Wandel von der arbeitenden hin zur spaßhabenden Gesellschaft. Der Mensch formt nicht mehr die Welt nach seinen Bedürfnissen, sondern lebt seine animalischen Instinkte. Schon den berüchtigten 68ern galt möglichst unterschiedsloser Sex als Mittel zum Aufbrechen gesellschaftlicher Strukturen – und es wundert nicht, daß gerade ein Altachtundsechziger sich in seiner Autobiographie mit seinen Kindersextaten brüstet. Auch daß Michael Jackson so lange einer Anklage und Verurteilung entkommen ist zeigt, daß im Bereich der Spaßgesellschaft traditionelle, auf religiösen Wurzeln beruhende Wertvorstellungen ins Wanken gekommen sind. Und in diese Richtung gehören auch Schwulenehe, Swingerclubs und Porno-Programme im Pay-TV, denn alle sind oberflächlich gesehen Erscheinungsformen einer gesellschaftlichen Liberalisierung, aber beim Blick unter die Oberfläche Symptome für einen tiefgreifenden Wertewandel.

Auf dem Weg in die postindustrielle Gesellschaft

Das macht die Sache interessant und auch für Nichtsoziologen relevant, denn jetzt könnte man nachdenken, was für eine Gesellschaft mit enthemmten Trieben typisch werden wird. In der "alten" auf religiösem Fundament ruhenden Gesellschaft wurde hart gearbeitet – am Abend fiel man müde ins Bett und Sex gab's nur zur Arterhaltung. Was kommt aber auf uns zu, wenn die alten Schranken der Enthaltsamkeit gefallen sind? Diese Prognose ist einfach, denn es gibt einen Kontinent, auf dem es ausprobiert worden ist: Afrika. Und hier droht mir Ungemach von Seiten der politisch Korrekten, aber ich lasse mich weder am Denken noch am Schreiben hindern, denn in Afrika finden wir beides, asketische Systeme auf tiefreligiöser Basis im islamischen Norden und ein weites Gebiet weitgehender sexueller Freiheit südlich der Sahara. Ich versichere, beide Gebiete aus eigener Anschauung intim zu kennen, verkneife mir aber an dieser Stelle alle möglicherweise interessanten Erfahrungsberichte und weise nur darauf hin, daß Korruption und Arbeitslosigkeit wesentliche Merkmale Schwarzafrikas sind, und in ihrer Folge Armut, Analphabetismus und eine Vielzahl anderer sozialer Übel. All diese ließen sich durch harte Arbeit und viel Willenskraft überwinden, zumal in so rohstoffreichen Wirtschaftsräumen, aber wir haben oben gezeigt, nur unter der Voraussetzung innerweltlicher Askese. Die Triebe wurden in Schwarzafrika aber nie in ein kulturelles Gefängnis gesperrt. Man kann also postulieren, daß die gesellschaftlichen Probleme so vieler schwarzafrikanischer Staaten gerade nicht oder jedenfalls beiweitem nicht nur am bösen Einfluß der alten Kolonialmächte liegen, sondern an dieser kulturellen Grundlage. Ein Indiz dafür ist die Hochschätzung der Deutschen als ehemalige Kolonialherren z.B. in Namibia und Togo, wo man sie mit Tugenden wie Fleiß, Ordnung und Ehrlichkeit in Zusammenhang bringt. Umgekehrt besteht das Risiko, daß die Übel mancher schwarzafrikanischen Gesellschaft – und ich meine hier beiweitem nicht nur AIDS – das Zukunftsmodell für Europa und "den Westen" werden. Auf dem besten Wege dahin sind wir jedenfalls.

Zuviel Freiheit ist auch nicht gut

Das also ist die Hauptaussage dieser Analyse: Freiheiten sind gut, aber zuviel Freiheiten können schlecht sein, jedenfalls in diesem Kontext. Kultur bedeutet immer, nicht alles zu dürfen, also Triebkräfte zu sublimieren, denn durch Sublimation werden die animalischen Kräfte des Menschen in gesellschaftlich nützliche Bahnen gelenkt. Die "Befreiung" der Achtundsechziger könnte aber eine Erosion des Fundaments der ganzen Gesellschaft sein. Die Folgen beginnen wir in der gegenwärtigen Wirtschafts- und Sozialkrise schon zu spüren.

Links zum Thema

Michael Jackson und Daniel Cohn-Bendit, oder von den Vorrechten der politischen Kaste | Wertewandel, ein Begriff im Wandel (interne Links)

Literatur

Sedlmayr, Hans: "Verlust der Mitte. Die bildende Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts als Symptom und Symbol der Zeit", Frankfurt/Berlin/Wien 1985, ISBN 3-548-342914.
Spengler, Oswald: "Der Untergang des Abendlandes. Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte", Beck, München 1923.
Weber, Max: "Die Protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus", Vollständige Ausgabe, Beck, München 2004, ISBN 3-406-51133-3.

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