»Zu Risiken und Nebenwirkungen…«: Mit Political Correctness aus der Krise

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"Zu Risiken und Nebenwirkungen", so heißt auf gesetzliches Geheiß in jeder Arzneimittelwerbung, "befragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker". So weit, so gut. Die Bundesgesundheitsministerin will diesen allseits bekannten Spruch nunmehr in "holen Sie ärztlichen Rat ein oder befragen Sie Ihre Apothekerin oder Ihren Apotheker" ändern lassen. Während wir uns wundern, mit welch weltbewegenden Fragen man sich in dieser an Krisen und Problemen so ausgesprochen armen Zeit im Gesundheitsministerium befaßt, läßt dieses offenbar ernstgemeinte Vorhaben tiefer blicken als es der Gesundheitsministerin im besonderen und der Politik im allgemeinen wohl lieb ist.

So hat man im Gesundheitsministerium wohl offenbar nichts Wichtigeres zu tun, als Sprachregelungen zu erlassen. Das auch angesichts der kürzlich offenbar gewordenen Selbstbedienungsmentalität der Vorstände der Zwangsversicherungen, die sich schamlos auf Kosten der Versicherten bereichern. Auch der angesichts weiter steigender Krankenkassen- und sonstigen Zwangsbeiträge immer größer werdende Standortnachteil hat noch nicht zu einem verschärften Nachdenken geführt, weil auf Medikamenten ja noch nicht das Wort "Apothekerinnen" zu finden ist, ein so weltbewegendes Problem aber offenbar einer dringlichen Behandlung bedarf.

Freilich haben die Frauen die Gleichberechtigung schon lange, nur die Männer kämpfen noch darum: im Zusammenhang mit öffentlichen Zwangsdiensten wie dem Kriegsdienst beispielsweise, zu dem Frauen meines Wissens in Deutschland noch nie eingezogen wurden. Keiner regt sich über diese offensichtliche Ungleichbehandlung auf, aber daß das Wort "Apothekerinnen" auf Medikamentenpackungen fehlt, bewegt das Ministerium.

Wie immer ist uns auch der große Bruder am westlichen Rand des großen Teiches einige Schritte voraus. So wäre ich mit meinem ca. 120 Kilo Lebendgewicht in Preußen eine fette Sau, in Bayern aber ein g'standenes Mannbuid – nur in den USA gravitationally enhanced. Mein nur noch wenig behaarter Kopf hat keine Glatze, sondern ich habe ein hair disadvantage und mit meinen 42 Lenzen bin ich natürlich nicht alt, sondern chronologically gifted. Und wenn ich im amerikanischen Word von "my wife" schreibe, schlägt mir die Correctness-Kontrolle "my significant other" als bessere Alternative vor. Ja, das ist alles ernstgemeint…

In den Staaten kriegt man die Probleme mit Waffen und Rassismus nicht in den Griff, aber wenigstens die Gedanken. Diesen Weg will man hier auch gehen, aber auf eine typisch deutsche Art: man kommt mit dem ausufernden Sozialsystem und seinen vielen Nutznießern nicht klar, was natürlich heißt, daß man die tiefste Sozialkrise seit dem zweiten Weltkrieg nicht im Ansatz zu lösen in der Lage ist, aber darüber, was auf den Pillenpacks zu stehen hat, denkt man vertieft nach. Was nunmehr per Gesetz versucht wird, drücken die Gutmenschen schon seit längerer Zeit im Wege sozialen Gruppendruckes in den Sprachgebrauch: "andersbefähigt" für "behindert" (oder gar "verkrüppelt"), "chemisch unpäßlich" für "betrunken" oder, allen Ernstes, "vertikal herausgefordert" für "kleinwüchsig" (oder gar "Zwerg").

Vielleicht kriegen wir ja durch das anstehende Antidiskriminierungsgesetz auch eine gesetzliche Pflicht, stets von den "LeserInnen" zu sprechen. Der Tugendterror der Gutmenschen erhielte dann Gesetzesrang und mit ihm die "korrigierte Sprache" – was von der Sache her mit der sogenannten Rechtschreibreform ja schon ausprobiert worden ist. Und die Reform des §130 StGB (Volksverhetzung) bringt mich ja schon in die Nähe eines Strafverfahrens, wenn ich das Wort "Zigeuner" benutze – was in anderen europäischen Sprachen kein Problem zu sein scheint ("gypsies", "gitanes"). In der Microsoft Encarta (und vielen anderen Lexika) fehlen schon "unkorrekte" Worte wie "Krüppel" und Quotenfrauen gibt es überall, nur nennen darf man sie nicht so. Die Gedanken sind frei, aber nicht mehr lange. Am 8. Mai 1949 wurden die Grundrechte verabschiedet, und heute weiß keiner mehr, wo sie sich aufhalten.

Links zum Thema: Bürgerversicherung: Die Leitbilder der Zwangsmentalität | Ökonomischer Wahnsinn im Gesundheitswesen: ein Beispiel | Reform des Gesundheitswesens: eigene Vorschläge des BWL-Boten | Geht die Schlechtschreibreform auf ein Nazi-Projekt zurück? (interne Links)

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