Vom vielfachen Fortleben der Bockwurst

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Gestern berichteten wir von der Systemkrise der Softwareindustrie und dem zugrundeliegenden Paradigmenwechsel. Zweifelhaft ist aber, ob es der Medienbranche im allgemeinen und der Softwareindustrie im besonderen gelingen kann oder wird, jeglichen Nutzungsprozeß durch den Kunden zu kontrollieren, Inhalte zu zensieren und damit die Piraterie auszuschließen. Bisher haben Maßnahmen gegen Raubkopierer nämlich in aller Regel eher zur Ausbreitung der Raubkopien und zur schnelleren Unterwanderung der Geschäftsmodelle beigetragen.

Vom Nutzen schneller Internetzugänge

So möchten die Medien- und Softwareanbieter das Internet als neuen Vertriebskanal nutzen, etwa durch schnelle Downloads von Filmen oder Anwendungsprogrammen, aber zugleich schaden sie sich damit selbst, denn was vordergründig betrachtet der Softwareindustrie neue Geschäftsfelder ermöglicht, untergräbt zugleich deren Geschäftsmodell. An diesem Widerspruch könnte bald die ganze Branche zerbrechen. Und die schon bestehende Unterstützung durch das Urheberrecht hilft dabei nicht mehr weiter…

Von der Wurst abbeißen

So entstehen unter phantasievollen Namen illegale Downloadplattformen, die sich kryptographischer Methoden zur Verschleierung ihres widerrechtlichen Tuns bedienen, oft derselben Mechanismen, mit denen die Medienmogule ihre eigenen Downloads schützen möchten. So kann man Programme wie Microsoft® Office® für viel Geld kaufen, oder auch illegal herunterladen, durch starke Kryptographie vor dem Zugriff der immer weiter zunehmenden Netzüberwachung und -Zensur geschützt. So betrieb ein nur 17 Jahre alter Schüler eine solche Downloadplattform, die als "Bockwurst" Berühmtheit erlangte: die einzige Wurst, von der man abbeißen kann, ohne daß sie kleiner wird. Im Gegenteil, ständig kamen neue Downloads hinzu, einer besser als der andere – legal, illegal, scheißegal. Und Sperren wie die verschiedenen Maßnahmen des Kopierschutzes, Seriennummern oder Zwangsaktivierung wurden jedes Mal elegant umgangen, oft schon vor dem offiziellen Marktstart der Produkte.

Vom Fortleben der Wurst

Als der Urheber solch vielfältiger Urheberrechtsverstöße möglicherweise nur durch eigene Unvorsicht vor einigen Wochen verhaftet und die Bockwurstseite abgeschaltet wurde, wurde man die Geister, die man nicht gerufen hatte, dennoch nicht los. So gibt es inzwischen mehrere Nachfolger, die allesamt ebenso illegal sind, und allesamt ebenso überlaufen wie das berühmte Vorbild. Daß solche Quellen "offensichtlich rechtswidrig" im Sinne des §53 Abs. 1 Satz 1 UrhG sind hilft da ebensowenig weiter, wie daß u.a. nach §95b UrhG nichtmal mehr journalistisch über die technischen Details solche rechtswidriger Aktionen berichtet werden darf, will man sich nicht selbst der Strafverfolgung aussetzen. Und das ist alles erst der Anfang…

Dezentralisierung und Kriminalisierung als komplementäre Strategien

So war die Bockwurst zentral auf einem offensichtlich nicht ausreichend geschützten Server in Nürnberg gehostet, und damit dem Zugriff der Behörden ausgesetzt – obwohl die eigentlich widerrechtlichen Inhalte auf Serverspace rund um die Welt verteilt worden waren. Tauschbörsen dagegen funktionieren dezentral, d.h., jeder kann anbieten und herunterladen, oft aus mehreren Quellen zugleich. Selbst das Auffinden und Abschalten einer Vielzahl illegaler Datenquellen verhindert nicht mehr dir Fortsetzung des illegalen Treibens – und alleine für die Bockwurst hat man dem Vernehmen nach ein halbes Jahr Ermittlungsarbeit investiert. Wie wäre es, wollte man die Millionen Anbieter in Tauschbörsen allesamt stillegen?

Das Geschäftsmodell, das sich selbst in den Schwanz beißt

Träumen die Medienfirmen noch davon, ihren Content über das Netz zu verkaufen, so haben die Piraten längst damit begonnen. Während beispielsweise Premiere noch versucht, die Nutzung der auf Festplattenrecordern gespeicherten Programme zu kontrollieren, oder über Nacht Filme herunterlädt, an denen der Nutzer dann am folgenden Tag stundenweise Nutzungsrechte kaufen kann, lassen sich solche Inhalte oft schon Minuten nach ihrer Ausstrahlung über Satellit in Tauschbörsen herunterladen, wo sie, sehr zum Ärger der Rechteinhaber, von allen digitalen Fesseln befreit sind. Auch der Versuch, serverbasierte Applications anzubieten ("Application Service Providing") beruht auf schnellen Netzzugängen, ist aber gleich zwei Mal zum Scheitern verursacht, zum ersten, weil die Anwender dann ihre Daten über das Netz an einen Softwarehersteller schicken müssen, dem sie oftmals mißtrauen, zum anderen aber, weil die entsprechenden Programme oft illegal schneller zu haben sind als die Registrierung bei dem ASP-Dienst dauert. Das Geschäftsmodell der Medienindustrie ist damit ernsthaft in Gefahr.

Man kann den Markt nicht betrügen, so einfach ist das

Dabei wäre die Lösung ganz einfach: wenn eine heruntergeladene CD mehr kostet als eine im Laden gekaufte, aber man die Musik dennoch nur hören darf, solange man ein Abo besitzt, wird die Software illegal getauscht. So einfach ist das, und so offensichtlich. Nur in Hollywood kann man das nicht nachvollziehen. Und die TCPA-Kontroll- und Zensurtechniken, die derzeit forciert werden, könnten das sogar noch erweitern, denn wenn die Tauschbörsen erstmal vollverschlüsselt sind, können sie auch von den Behörden nicht mehr so leicht geknackt werden. Es ist also eine Frage des Preises: Office-Pakete wie OpenOffice, die quelloffen und kostengünstig sind, kann man nämlich kaum illegal herunterladen, denn man kriegt sie ja offiziell zu fairen Bedingungen: sie sind kostengünstig, man muß nichts aktivieren, die Software spioniert den Rechner und seinen Nutzer nicht aus. So muß es sein. Doch wer nicht hören will, muß fühlen. Das muß die Softwareindustrie noch lernen, denn sie hat ein ganz spezielles Gut: eine Wurst, von der man abbeißen kann, ohne daß sie kleiner wird. Und wenn das Unrechtsbewußtsein beim Raubkopieren fehlt, dann wird virtuell geklaut, dank großer Festplatten und schneller Netzzugänge immer rasanter. Nicht die in ein Produkt investierte Arbeit rechtfertigt den Preis, sondern Aufwand und Risiko der illegalen Beschaffung. Wer das nicht versteht, der scheitert. So einfach ist das!

Links zum Thema

Über die Krise der Softwareindustrie | Neues Urheberrecht tritt in Kraft | Grundzüge der Preistheorie (interne Links)

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