Service in Deutschland: Die Stadtwerke Erfurt als Beispiel

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Immer wieder haben wir uns an dieser Stelle über die Servicewüste verbreitet. Während das manchen Lesern nicht gefallen mag, demonstrieren wir hier an einem Beispiel, wie wenig sich offensichtlich in den letzten 15 Jahren verändert hat. Was gewiß auch einigen Lesern nicht gefallen wird, einigen bestimmt nicht… den Entscheidern bei den Stadtwerken Erfurt zum Beispiel, auch nicht dem Oberbürgermeister Manfred Ruge, der nämlich Aufsichtsratsvorsitzender ist.

Legende ist schon der Stromausfall vom 24.05.1998 16:30 Uhr bis 25.05.1998 ca. 05:30, vierzehn Stunden Dunkelheit. Lizensierte Amateurfunker beobachteten mit batteriebetriebenen Geräten auf der damaligen Betriebsfunkfrequenz von 154,31 MHz, wie die Mitarbeiter von einer Trafostation zur nächsten geschickt wurden um probeweise auszuschalten, um zu sehen, „wo es dunkel wird“. Offensichtlich hatte man diejenigen, die das Netz noch kannten, entlassen. Während sich das inzwischen deutlich verbessert hat, bietet das Rohrsystem der Trinkwasserversorgung noch genug Kurzweil für Reparaturteams wie für Bürger. Es stammt nämlich weithin noch aus der Kaiserzeit.

Heute Morgen gegen 8:00 Uhr war es wieder so weit, zum dritten Mal in einem halben Jahr bleiben die Wasserhähne trocken. Diesmal ist es ein größerer Rohrbruch in Erfurt Nord, der am Sonntagmorgen ganze Stadtviertel trockenlegt: keine Dusche, kein Frühstücksei, die Toilettenbenutzung ist aber leider Pflicht. Es stinkt zum Himmel. Ein Anruf bei der Stadtverwaltung fördert zu Tage, daß man in „zwei bis drei Stunden“ das Problem behoben habe. Die „Havarienummer“ 51113 ist jedoch dauerbesetzt, oder es geht keiner ran. Hat man den Hörer danebengelegt um vor nervenden Kunden sicher zu sein, oder gibt es nicht genug Mitarbeiter, die die Kunden beruhigen können? Nach unzähligen Versuchen verspricht mir ein Mitarbeiter, man werde Wasser in Tankwagen bereitstellen. Das ist überzeugend, denn gleich hinter dem Haus ist ein großes Plattenbauviertel.

Am frühen Nachmittag ein Lichtblick, vier Stunden nachdem man mir in zwei bis drei Stunden die Rückkehr des teuren Naß versprach, tröpfelt es aus dem Wasserhahn, nur für ein paar Minuten. Für ein verspätetes Frühstück reicht es, Duschen Fehlanzeige. Ein Tankwagen hat sich nicht gezeigt, auch nicht nach einer Rundfahrt durch das Viertel, aber meine Schwiegermutter hat Wasser. Endlich geputzte Zähne.

Kurz nach 16:00 Uhr kommt endlich wieder Wasser aus den Hähnen, gelbbraun und schmutzig aber immerhin mit genügendem Wasserdruck. Vom Waschen oder Duschen kann zwar noch immer keine Rede sein, aber das Problem ist offenbar unter Kontrolle. Endlich. Nach acht Stunden wieder am öffentlichen Wassernetz, in einer deutschen Landeshauptstadt. Drei Mal in einem halben Jahr, morgen kaufe ich einen Plastetank. Ohne Notbevorratung geht es nicht.

Vor wenigen Tagen wurde ein neues Tarifrecht für den Bund und die Kommunen vereinbart, aber den Menschen bringt es wohl nichts – nicht nur, weil mit der leistungsbezogenen Entlohnung erst in 2007 begonnen werden soll, und nur mit einem Prozent des Bruttobetrages, sondern weil es das Kernproblem völlig ausspart: die absolute Unterbesetzung der öffentlichen Versorgungsdienste. So hört man bei den Stadtwerken schon Freitag Mittag am Telefon nur noch den verhaßten Satz vom Anruf außerhalb der Öffnungszeiten, und vergleichbare Beispiele gibt es ohne Ende: ein simpler Mahnbescheid beim Amtsgericht Erfurt braucht einen Monat. Über die zahnärztliche Notversorgung an Wochenenden decken wir den Mantel der christlichen Nächstenliebe. Dabei gäbe es billige Arbeitskräfte auch hier in Deutschland in großer Zahl.

Rationierungen wurden uns ja bereits angekündigt und heute haben wir einen Vorgeschmack darauf bekommen, wie das werden wird. Wenn wir es nicht schaffen, den Versorgungssektor zu sanieren, landen wir bald vollends in der sogenannten „Dritten Welt“. Heute waren wir dort nur zu besuch. Es dabei bewenden zu lassen wäre Aufgabe der Politiker in Berlin, nicht der hier im Rathaus. Die haben sich für die Sorgen der Menschen aber noch nie sonderlich interessiert.

Links zum Thema: Dienstleistungsbranche: immer noch eine Servicewüste. Aber warum? | Was bringt das neue Tarifrecht beim Bund und den Kommunen? | EU-Kommissarin warnt vor Energie-Engpässen ab 2007 | Über die Nachhaltigkeit in der Arbeitslosigkeit | EU-Kommissar kündigt Wohlstandsverlust an (interne Links)

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