Wieder Fehler in IHK-Prüfung entdeckt

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Die Prüfung zum Technischen Betriebswirt gehört gewiß nicht zu den einfacheren Prüfungen, die die IHK veranstaltet, insbesondere nicht was Rechnungswesen angeht. Jetzt wurde im Prüfungsfach "Finanzierung, Investition, Steuern" wieder ein sachlicher Fehler entdeckt. Das wäre vermeidbar gewesen, liebe Kämmerlinge!

So wird in der fraglichen Prüfung in einer Aufgabe eine Bilanz einer GmbH präsentiert, und der Prüfungsteilnehmer soll seine Kenntnisse der Kennzahlenrechnung unter Beweis stellen. Doch gleich in der ersten Frage wird gefragt, ob denn die vertikale Finanzierungsregel eingehalten sei. Was zum Teufel ist eine vertikale Finanzierungsregel?

Vertikale Kennziffern, die man in dieser Formelsammlung besichtigen kann, vergleichen Dinge, die in der Bilanz übereinander stehen. So ist die Eigenkapitalquote der Anteil des Eigenkapital am Gesamtkapital, also der Bilanzsumme. Die "1:1-Regel", so der offizielle Lösungsvorschlag verlange, daß der Fremdkapitalanteil nicht höher als der Eigenkapitalanteil sei, und dann differenziert die Lösung zu der gleichen Frage sogar noch eine "2:1-" oder gar eine "3:1-Regel"…

Das verwundert, denn beispielsweise die Deutsche Bank hatte in einer ihrer letzten Bilanzen ein Eigenkapital von 36,4 Mrd. € bei einer Bilanzsumme von 950 Mrd. € ausgewiesen, also nur ganze 3,8% Eigenkapital – was für Banken durchaus kein ungewöhnlicher Wert ist. Jeder ordentliche Bilanzanalytiker weiß nämlich, daß die notwendige anteilige Höhe des Eigenkapitals einer Unternehmung von der Anlagedeckung und nicht von einer starren Vertikalregel abhängt, also Vertikalkennziffern ohne Branchenvergleichswerte immer aussagelos sind. Die Frage ist also ziemlich unsinnig, und daß es so im zugehörigen IHK-Textband steht, macht die Sache nicht richtiger, sondern schlimmer.

Und das ist nicht der einzige Hauer. So wird in einer anderen Frage derselben Prüfung eine statische Kostenvergleichsrechnung mit Bestimmung der kritischen Leistung verlangt, was in solchen Prüfungen eine sehr häufige Aufgabengestaltung ist. Also wird der verantwortungsbewußte Dozent seine Teilnehmer auf kalkulatorische Kostenrechnung drillen und ihnen erläutern, weshalb man die kalkulatorische Abschreibung vom Wiederbeschaffungswert berechnet, und hiervon zunächst den Schrottwert subtrahieren muß, denn mit der kalk. AfA will man ja – im Gegensatz zur steuerlichen Rechnung – die Ersatzbeschaffung einer neuen Anlage am Ende der Nutzungsdauer der alten Maschine finanzieren.

Leider fehlt der Wiederbeschaffungswert in der Aufgabe, die damit eigentlich nicht zu rechnen wäre. Man kann zwar die kalk. Abschreibung mit dem Anschaffungswert berechnen, aber das ist strenggenommen falsch. Auch hier hat jemand beim Erstellen der Aufgaben nicht aufgepaßt – was übrigens nicht zum ersten Mal vorkommt, denn diese Art von Fehler wurde schon in früheren Klausuren beobachtet.

Es entsteht der Eindruck, daß man vor der Freigabe der Aufgaben etwas besser hätte hingucken können. Während der zweite Fehler noch durch die Hilfsannahme zu umgehen ist, es gäbe keine Wertsteigerung, so daß der Wiederbeschaffungswert dem Anschaffungswert entspricht und so das "richtige" Ergebnis des Lösungsvorschlages herauskommt, erfordert der erste Fehler, etwas nur für die Prüfung zu lernen, was eigentlich sachlich falsch ist, denn nicht für das Leben, sondern für die Katz lernen wir, jedenfalls in diesem Falle.

Links zum Thema: Formelsammlung der Betriebswirtschaft | IHK-Lehrgänge: Das Drama mit den Textbänden | Die IHK-Textbände: Warum sie schlecht sind, weshalb man sie dennoch braucht und wo man sie herkriegt | Betriebswirt/IHK: Verbesserungsvorschlag Nr. 1: Die IHK-Textbände | Betriebswirt/IHK: Verbesserungsvorschlag Nr. 2: Die Prüfungen | Betriebswirt/IHK: Verbesserungsvorschlag Nr. 3: Die Dozenten | Betriebswirt/IHK: Verbesserungsvorschlag Nr. 4: Die Teilnehmer (interne Links)

Hinweise auf relevante Inhalte der BWL CD: [Lexikon]: "Bilanzanalyse" (mit zahlreichen Kennziffern und Beispielen), "Eigenkapital", "Kalkulatorische Abschreibung", "Kennzahlen", "Wiederbeschaffungswert".
[Manuskripte]: "Formelsammlung der BWL.pdf", "Jahresabschluß Beispiel.pdf", "Jahresabschlußanalyse.pdf", "Kennzahlenrechnung.pdf".
Diese Hinweise beziehen sich auf die zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Artikels aktuelle Version der BWL CD. Nicht alle Inhalte und nicht alle Stichworte sind in älteren Fassungen enthalten. Den tagesaktuellen Stand ersehen Sie aus dem Inhaltsverzeichnis oder dem thematischen Verzeichnis.

 

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