Wertewandel, ein Begriff im Wandel

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Von einer "Krise der Arbeitswelt" ist bisher im Zusammenhang mit dem sogenannten Wertewandel die Rede, aber der Begriff unterliegt selbst einem Wandel. Dieser kleine Artikel demonstriert, weshalb Marx doch Recht hat, warum die Spaßgesellschaft am Ende ist und wieso auch der Wertewandel nicht mehr ist, was er einmal war.

Karl Marx und Max Weber

Bei Marx verwirklicht sich der Mensch durch Arbeit. Er macht sich, getreu dem jüdisch-christlichen Weltbild (Marx war ein Jude) die Erde untertan und verbessert seine Lebensverhältnisse durch zunehmende Herrschaft über die Natur. Das geht, bei Marx, in einer fortschreitenden Entwicklung von der Sklavenhaltergesellschaft über den Kapitalismus und den Sozialismus bis hin zum kommunistischen Paradies. Anders denkt Max Weber, bei dem religiöse Ideen die wirtschaftlichen Strukturen formen: insbesondere habe sich im Calvinismus eine Sichtweise entwickelt, daß Gott sein Wohlgefallen durch Gewährung von Wohlstand zeige, so daß harte Arbeit zur Erlangung von Reichtum im Protestantismus sich als Wert verselbständigt habe. Während bei Marx die materielle Basis den gesellschaftlichen Überbau bestimmt, denkt Max Weber genau entgegengesetzt: die geistigen Modelle prägen das gesellschaftlicher und materielle Sein. Beiden Modellen ist aber die Arbeit als zentraler Wert eigen, und die Industrie als ausführender Arm der Wissenschaft ist der Ort gesellschaftlichen Fortschrittes, auf die eine oder andere Weise.

Der Wertewandel der 60er und 70er Jahre

Gegen Ende der 60er Jahre beginnen traditionelle gesellschaftliche Muster aufzubrechen. Arbeitszeitverkürzungen und die beginnende Freizeitgesellschaft stellen das althergebrachte Weltbild zunehmend in Frage. Zunehmende Produktivität führte zu einer beginnenden Knappheit an Arbeit, ein Problem, das wir heute als Arbeitslosigkeit kennen. Der industrielle Strukturwandel von der Produktions- zur Dienstleistungsgesellschaft (den Deutschland allerdings nie wirklich vollzogen hat) stellt das traditionelle Vergesellschaftungsmodell zunehmend in Frage: Urlaub, Freizeit, Vergnügen werden arbeitsferne Werte, die den Wert der Arbeit als Mittel der Selbstverwirklichung zu verdrängen beginnen.

Das Ende des Kalten Krieges

Der Fall der Mauer 1989 und die nachfolgende Wende überall in Osteuropa ließen die Absurdität der beiderseitigen Hochrüstung, die schon zuvor hinterfragt worden war, allzu offensichtlich werden. Wofür so hart arbeiten, wenn doch keine externe Bedrohung mehr vorhanden ist? Dies führte zu einem gesamtgesellschaftlichen Wandel hin zu etwas, was man als "Spaßgesellschaft" umschreiben kann – Helmut Kohl sprach einst vom "kollektiven Freizeitpark". Weltwirtschaftlich war dies aber nur vor dem Hintergrund der zunehmenden Verschiebung der materiellen Produktion in Länder der sogenannten dritten Welt möglich: China produziert, Deutschland konsumiert.

Neue betriebswirtschaftliche Modelle

In den Betrieben, und auf diese wollen wir uns im hier gegebenen engen Rahmen beschränken, führte der skizzierte Wandel zu neuen Management-Modellen. So führte die zunehmende Produktivität auch zu einem Wandel vom Verkäufer- zum Käufermarkt, und damit von Verteilung zu Konkurrenz. Dies ließ die Wichtigkeit des Qualitätsbegriffes steigen und Qualitätsmanagementsysteme anstelle von Qualitätskontrollen entstehen. Die Integration von Arbeit und Freizeit artikulierte sich als ganzheitliches Management am klarsten im sogenannten "Lean Production" Modell: ein emotionaler Wandlungsprozeß ergänzte und erweiterte den bisherigen technischen, also nur kognitiven Fortschritt.

Der Wandel des Wandels

Vielleicht hätte sich der traditionelle Arbeitsbegriff ganz aufgelöst (was Lean Production letztlich anstrebt: die Arbeiterschaft als "große Familie"), vielleicht wäre auch die gesamte materielle Produktion in den Osten ausgelagert worden, eine Entwicklung, die angesichts der ab 2005 greifenden Exportprämie für Arbeitsplätze noch immer anhält. Doch der Mensch denkt und Gott lenkt, aber der Mensch dachte und Gott lachte, und also kam es ganz anders: der Wertewandel unterliegt selbst dem Wandel, und er hat eine radikale Kehrtwende vollzogen.

Die neue materielle Basis

Noch gegen Ende der 80er Jahre versuchte der deutsche Staat mit hilflosen Mitteln den Ausbruch des Satellitenfernsehens zu verhindern, und Autotelefone waren Jahrzehntelang teurer als Autos. Das hatte System, denn nur ein gutkontrolliertes Volk ist auch ein gutbeherrschtes Volk, und Ruhe ist bekanntlich erste Bürgerpflicht. Aber dann kam gegen Mitte der 90er Jahre das Internet auch nach Deutschland, zuerst per Ferngespräch aber dennoch unaufhaltsam wie man bald feststellen mußte. Was aber bedeutete dies?

Die Logik des quartären Sektors

Informationen aus aller Welt waren plötzlich überall verfügbar, unzensiert und unkontrolliert, und mit ihnen kamen bald die kommerziellen Dienste. Überall erreichbar zu sein war plötzlich ein Wert, schon befördert durch die vorhergehende jahrzehntelange politisch motivierte Be- und Verhinderung der Kommunikationstechniken. Handy und Laptop wurden zu Symbolen einer neuen Zeit, erst nur für Eliten aber bald im Massenmarkt. Doch mit der neuen Technik, die wie keine zweite das Alltagsleben von Millionen veränderte, kamen auch neue gesellschaftliche Handlungsmuster, oder kurz und knapp, eine neue materielle Basis produzierte einen neuen gesellschaftlichen Überbau, genau wie einst Karl Marx es postulierte.

Totale Erreichbarkeit, totale Verfügbarkeit, totale Arbeit

Postulierte Marx noch die Entfremdung der Arbeit, so wurde dies durch die neuen Technologien in wenigen Jahren umgekehrt: mußte man einst in eine der persönlichen Lebenssphäre entfernte Fabrik, um dort seinen Lebensunterhalt zu verdienen, so wurde jetzt in immer mehr Branchen Telearbeit möglich: der Verdienst kann wieder in den eigenen vier Wänden verdient werden, Arbeits- und Lebensbereich werden wieder zusammengeführt. Und gerade die hohe Wertschöpfung und die damit verbundenen hohen Entgelte machen solche Arbeitsplätze zumindestens für qualifizierte Jobs interessant, bis heute, vier Jahre nach dem Platzen der Dotcom-Blase.

Neue Werte, aber auch eine neue Gesellschaft?

So ist heute Freizeit viel weniger ein Wert als jederzeitige Erreichbarkeit, Spaß viel weniger als die totale Vernetzung, und damit zeichnet sich auch ein neuer Wertewandel ab, und die Computerfreaks sind die Vorreiter einer neuen Zeit. Es wundert nicht, daß in keiner Branche die Dichte der Einkommensmillionäre höher ist als im IT-Gewerbe. Neue Eliten beginnen sich schon zu formen, neue Eliten derer, die Suchmaschinen benutzen und Computer programmieren können, also derer, die alle Bibliotheken der Welt immer im PDA mit sich herumtragen (und auch anzuwenden wissen). Eine neue materielle Basis hat sich damit schnell einen neuen gesellschaftlichen Überbau geschaffen, und ihr erstes Opfer scheint die Spaßgesellschaft zu sein, die sich nämlich die Discothekenbesuche vom Hartz-IV-Geld nicht mehr leisten kann. Galten Bildung und Wissen einst als Mittel der Ausbeutung der Arbeiterklasse durch die Bourgeoisie, und wurden folglich seit den Brandt'schen Bildungsreformen eingeschränkt und politisch gegängelt, sind sie plötzlich zu zentralen Erfolgsfaktoren geworden, und die fortdauernde Arbeitslosigkeit derer, die diesen Wandel nicht mitmachen, ist der Motor der Veränderung, und die Kürzungen durch Hartz IV sind der Treibstoff. In Pisa haben wir die Quittung für die Bildungspolitik seit den 70er Jahren bekommen, und es ist zu hoffen, daß die Macht des Faktischen alle ideologischen Einschränkungen fortfegt und ein neues digitales Bildungsbürgertum erschafft, eine vernetzte Gesellschaft, die endlich den alten Marx transzendiert, denn das hat der alte Mann mit dem Bart nicht vorhergesehen.

Links zum Thema

Dienstleistungsbranche: immer noch eine Servicewüste. Aber warum? | 8,6 Millionen Arbeitslose – schon vor Beginn der Energierationierung | Exportprämie für Arbeitsplätze beschlossen | Hartz IV: Übersicht über die wichtigsten Details | Arbeitslosengeld II: Das große Sozialquiz [mit Formulardownload] (interne Links)

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