Die Arbeitsagenturen und das Sturmgewehr

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Seit einiger Zeit geistern Meldungen durch die Medien, welche Arbeitsagentur sich jetzt wieder mit einem Sicherheitsdienst, Videoüberwachung, Panikknöpfen für Mitarbeiter und dergleichen mehr ausgestattet habe: Hartz IV wirft seine dunklen Schatten voraus. Wie immer wird in der Berichterstattung dabei der Osten übergangen. Der hat nämlich besondere Verhältnisse, wie so oft. Der BWL-Bote guckt genauer hin.

Jeder "Ossi", ob Zugezogener oder gelernter DDR-Bürger, weiß nämlich, was man bei der einst hier überall stationierten Sowjetarmee für schöne Sachen kaufen konnte: eine Handgranate für fünf Mark, eine Pistole für ein- oder zweihundert DM und ein automatisches Gewehr für fünfhundert harte Westgeldeinheiten, mit Probeschießen im Bunker und ausreichender Versorgung an Munition. Die Russensoldaten, von ihren Vorgesetzten kurzgehalten, wollten teilhaben am plötzlichen Ausbruch des kollektiven Konsumrausches nach 1989, und das sorgte für die Verbreitung von Waffen in der Gesellschaft, was heute oft ignoriert wird.

Es ist auch bekannt, daß vorwiegend ältere Arbeitslose von Langzeitarbeitslosigkeit und damit von Hartz IV betroffen sein werden – ein großer Teil der Betriebe beschäftigt niemanden mehr über 50 Jahren. Diese Leute haben aber die Wende vor 15 Jahren bewußt erlebt, und sich möglicherweise mit einer Notversorgung für schlechte Zeiten eingedeckt – klammheimlich versteckt, bis heute schußbereit. Und das ist um so größer als das Frustrationsniveau hier viel größer ist als im Westen: ehemalige Werksleiter, Funktionäre, "Kader": Leute, die Verantwortung hatten und wichtig waren sind oft seit 15 Jahren dauerarbeitslos, ganz unten, verlorene Talente und verlorene Leben, die Härten der strukturellen Arbeitslosigkeit.

Wenn es also wie immer wieder vermutet wirklich zu gewalttätigen Auseinandersetzungen im Zusammenhang mit dem Arbeitslosengeld II kommt, und wenn die zusätzlichen Sicherheitsmaßnahmen wirklich angebracht sind, dann wären möglicherweise auch Metalldetektoren erforderlich – will man auf den zu Agenturen mutierten Arbeitsämtern nicht plötzlich mit gutgehüteten Geheimnissen konfrontiert werden.

In den USA gibt es eine verbreitete Meinung, daß es keine bessere Versicherung gegen den Staat geben könne als ein bewaffnetes Volk. Spätestens wenn hier einer versucht, seinen Antrag auf Arbeitslosengeld II mit der Automat Kalashnikova zu unterschreiben werden wir sehen, daß dies nicht die ganze Wahrheit ist…

Links zum Thema: Hartz IV: Endlich ein Dammbruch bei überfälligen Reformen oder der Anfang vom Ende? | Hartz IV: Übersicht über die wichtigsten Details | Arbeitslosengeld II: Das große Sozialquiz [mit Formulardownload] | Handys, Quake und BMW: Erfahrungsbericht eines Dozenten (interne Links)

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