Schwundgeld, oder ein Weg aus der Krise?

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Geldreform, Regionalgeld – der BWL-Bote ist dafür bekannt, sich nicht an die Denkverbote der political correctness zu halten, und so ist es auch in diesem Artikel: von den zahlreichen Versuchen einer Geldreform im zwanzigsten Jahrhundert wollen die etablierten Wissenschaftler und die politische Kaste am liebsten gar nichts hören. Dabei ist das Thema angesichts Teuroflation, Massenarmut und Rationierung aktueller den je.

Silvio Gesell und das Schwundgeld

Urahn aller Geldreformer ist Silvio Gesell (1862-1930), der als Kaufmann und Finanztheoretiker die sogenannte Freiwirtschaftslehrebegründet hat, was ihm später den Ruf einbrachte, der "Karl Marx der Anarchisten" zu sein. Sein wesentlicher Vorschlag war, das Geld mit einem Abschlag zu versehen, einer Art eingebautem Wertverlust, sozusagen einer Art automatischer Inflation. Das würde den Geldumlauf beschleunigen weil die Spekulation behindert und das Ausgeben von Geld gefördert würde. So wollte Gesell und bestens bekannte Probleme wie die Arbeitslosigkeit lösen. Gesell machte damit den Zinseszinseffekt für zahlreiche wirtschaftliche Übel verantwortlich, weil dieser bekanntlich die Anhäufung wirtschaftlicher Macht ohne Arbeit gestattet.

Historische Versuche

Die Gesell'schen Ideen wurden einige Mal in die Praxis umgesetzt, so zum Beispiel ab Sommer 1932 in Wörgl im bayerischen Wald. Dort war durch den Rückgang der örtlichen Zellulose- und Zementindustrie die Arbeitslosigkeit so stark angestiegen, so daß der Bürgermeister Unterguggenberger im August 1933 eigene Papiergeldnoten, den Wörgler Schilling herausbrachte. Diese Scheine mußten durch den Kauf von Marken im Wert von 1% des Nennwertes pro Monat in Umlauf gehalten werden. In Folge dieses Experimentes sank die Arbeitslosenquote in Wörgl und Umgebung, während sie anderswo bedingt durch die Weltwirtschaftskrise weiter stieg. Da das sogenannte Wörgeler Schwundgeld aber in den Augen der Obrigkeit eine Verletzung des Notenbankprivileges war, wurde es im September 1933 durch Gerichtsbeschluß verboten. Schon im Oktober 1929 gründeten Hans Timm und Helmut Rödiger in Erfurt die Wära-Tauschgesellschaft als "Vereinigung zur Bekämpfung von Absatzstockung und Arbeitslosigkeit", die das Tauschgeld "Wäre" emittierte. Schon nach zwei Jahren gehörten ihr über 1.000 Unternehmen an, die einen kleinen unabhängigen Wirtschaftskreislauf bildeten, aber auch dieses Freigeldexperiment wurde durch ein Gericht untersagt.

"…and the pursuit of happiness"

Die Geschichtsbücher sind voller Spuren solcher historischer Experimente, jedenfalls die historischen Werke, die sich nicht an kollektive Denkverbote halten, und fast alle berichten von Erfolgen solcher Versuche. Anders als die zeitgeistigen Öko-Experimente unserer Epoche haben die Schwundgeldversuche ihren Erfolg also schon unter Beweis gestellt. Da aber in Deutschland niemand staatsfrei glücklich werden soll, wurden all diese Experimente verboten – mit Folgen wie Massenarbeitslosigkeit, Verarmung und Extremismus, und das trieb die Massen in die NSDAP. Hätte es mit Freigeld kein Nazireich, keinen zweiten Weltkrieg und kein Auschwitz gegeben?

Vom Nutzen der Inflation

Das Freigeld hat durch seinen immanenten Wertverlust eine Art eingebaute Inflation, was wir vom Teuro eigentlich zur Genüge kennen sollten. Was aber nützt das? Die Schwundgeldinflation ist – im Gegensatz zur Euroflation – planbar und vorhersagbar. Das schafft einen Anreiz, Geld auszugeben statt zu horten. Es schwächt die Vorsorge und Spekulation in Geld aber erhöht die Geldumlaufgeschwindigkeit – so daß, wie es schon das Say'sche Theorem postuliert, jeder durch Befriedigung seines Eigeninteresses (am Verlust des Geldwertes nicht teilzunehmen) anderen und damit der Gesellschaft nützt (nämlich durch Ausgeben von Geld). Die geplante Inflation befördert also, was Wirtschaft eigentlich sein sollte, nämlich der Austausch nützlicher Güter.

Nicht zeitgemäß

Das bringt uns einer Antwort auf die Frage näher, weshalb hierüber nachzudenken nicht politisch korrekt ist, denn derzeit passiert das Gegenteil, und mächtige Interessen stehen dahinter. Interessen, die Freigeld fürchten wie der Teufel das Weihwasser. So wird durch die Schaffung immer neuer Derivate und Finanzwetten der Finanzsektor aufgebläht – der ab 2005 eingeführte Emissionshandelist nur das neuste Beispiel einer Kasinowirtschaft, die schon 2002 alleine bei der Deutschen Bank das Fünffache des BSPausmachte (!). Um die Nachfrage nach Finanztiteln zu erhöhen, muß man aber die Nachfrage vom Gütermarkt abziehen, und das tut G.W. Bush in den USA durch Krieg, das europäische Politbüro in Brüssel erreicht dasselbe aber durch Angst, die jetzt, da uns die Klimakatastrophe abhanden zu kommen droht, durch Roland Emmerichs Öko-Propagandafilm "The Day After Tomorrow" wieder angeheizt wird. Es wundert daher nicht, daß große Industrieunternehmen schon angekündigt haben, ins Ausland auszulagern wenn Sie "Treibhausgasemmissionsrechte" kaufen müßten – die Klimascheine wirken damit wie eine Prämie für den Export von Arbeitsplätzen. Das Freigeld wäre da sehr kontraproduktiv: es würde die Realwirtschaft fördern und die Spekulation bremsen. Kein Wunder also, daß die politische Kaste solche Experimente haßt und mit ihrem Recht zu verhindern sucht.

Weitere positive Nebeneffekte

Dies hat noch weitere Effekte, die den Menschen nützen, aber die die Obrigkeit das Fürchten lehren: so erleben wir durch den derzeitigen Rentenraub, daß sich Vorsorge in Geld grundsätzlich nicht lohnt. Durch Freigeld würde aber die Vorsorge in einen funktionierenden eigenen Betrieb gefördert – mehr Selbständige, weniger Angestellte, viel weniger Abhängigkeit. Das behindert die staatliche Verknappung und Abzocke. Mehr noch: wie treibt man die Unzahl deutscher Steuern ein, wenn alles in Schwundgeld abgewickelt wird? Nicht auszudenken!

Der Widerspruch in den Geldfunktionen

Das Geld diene, so lesen wir in den volkswirtschaftlichen Leerbüchern, als Knappheitsindikator, der Bewertung, Wertaufbewahrung und als Tauschmittel. Zwischen den letzten beiden Funktionen besteht aber ein Widerspruch – worüber sich die besagten Schriftwerke beredt ausschweigen. Dummerweise haben wir aber den Fehler gemacht, die Staatsgewalt nicht mehr vom Volke (Art. 20 Abs. 2 Satz 1 GG), sondern vom Geld ausgehen zu lassen. Das ist ein Ansatz, den immer größer werdenden Graben zwischen Ökologismus und Volk aber nicht zwischen Ökologismus und Wirtschaft zu erklären, denn die Wirtschaft profitiert von vorgeblichem Umweltschutz, der durch Verknappung und Rationierung die Nachfrage in den Finanzsektor umlenkt, wo man ohne Arbeit und ohne Energieverbrauch viel höhere Renditen erzielen kann als durch materielle Produktion.

Der deutsche Michel schläft

15 Monate danach hat sich die Aufregung über die Teuroflation gelegt, und nach ein wenig Schimpfen stellt man sich sogar klaglos an der Zapfsäule an, was für den leidensfähigen Deutschen typisch ist. Die Franzosen, nur zum Vergleich, haben eine variable Benzinsteuer, die sinkt, wenn der Preis steigt, denn allzuleicht errichtet das Volk Straßensperren und lehrt damit seiner Obrigkeit das Fürchten. Es ist daher fast ein Wunder, daß es jetzt wieder Freigeldexperimente gibt, so z.B. den Kamenzer oder den Berliner. Solche bislang nur sehr regional begrenzten Versuche stellen für die beginnende Ökoplanwirtschaft noch keine Gefahr da, was schon an ihrer Fortexistenz zu sehen ist. Dennoch sollte man das nicht unterschätzen: gäbe es in einer strukturschwachen Region durch Schwundgeld wieder einen Wirtschaftsaufschwung, kämen Leute wieder in Lohn und Brot, dann könnte die Stimmung schnell umkippen, denn der schlafmützige Michel könnte entdecken, wie er die Staatsgewalt wiedererlangen könnte. Das Schwundgeld ist damit eine derzeit nur ganz vorsichtig brennende Lunte an den Festen der gegenwärtigen Wirtschaftsordnung und schon alleine dadurch interessant. Immerhin wird Silvio Gesell schon von Leuten als Anarchist diffamiert, die nicht wahrhaben wollen, daß Art. 20 Abs. 2 Satz 1 GG gerade diese Art von Anarchie vorschreibt.

Links zum Thema

Energierationierung: wie funktioniert der Emissionshandel? | Der Finanzkollaps, und was dagegen getan wird | Arbeitsplatzabbau wegen Emissionshandels angekündigt | Wo die nächsten Arbeitsplätze verlorengehen | Zwangssozialbeiträge auf Direktversicherungen: Massive Kürzung durch die Hintertür (interne Links) | Viele Materialien und Infos zur Geld- und Zinspolitik | Der Kamenzer | Der Berliner (externe Links).

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