Gratisangebote, DRM und Opportunitätskosten: Auf dem Weg in die Abhängigkeitsökonomie

Teilen

Wirtschaft sei der Austausch nützlicher Güter, lernten wir einst, bevor uns die Klimahysteriker und Ökochonder die sogenannten Treibhausgasemissionsberechtigungen bescherten, also handelbare Steuern auf Luft, die ab nächstem Jahr dieses altmodische Bild wirtschaftlicher Tauschprozesse pervertieren sollen. Aber auch der e-Commerce ist immer wieder für eine Überraschung gut: Gratisangebote bringen uns weg vom liberalen Ordnungsmodell des Zivilrechts und zurück in neofeudale Abhängigkeiten. Wie das?

Opportunitätskosten als Marketing-Argument

Opportunitätskosten sind, kurz gesagt, die Kosten für das Ergreifen der nächstbesten Handlungsalternative, also für das Verpassen der besten Lösung eines Problemes. Das war schon immer ein Marketing-Argument: Der Preis für ein Gut muß gerade so hoch sein, daß es sich für den Nachfrager noch nicht lohnt, die nächstbeste Alternative zu wählen. Das umfaßt auch die Kosten für die tatsächliche Durchführung des Wechsels wie der damit verbundene Streß oder das (vorübergehende) Ausfallen einst gewährter Leistungen. So bleiben Bankkunden bei ihrer Bank, mit der sie eigentlich unzufrieden sind, weil das Wechseln zur (vorübergehenden) Verweigerung von Karten und Kreditlinien führt, also die Opportunitätskosten zu hoch sind, und Versicherungsmathematiker suchen sich einen Wolf nach optimalen Modellen zur Vorhersage des Maßes der Kundenfrustration und des Wechselverhaltens.

Opportunitätskosten im e-Commerce

Nicht anders ist es im elektronischen Marketing, wo darauf gebaut wird, daß plötzliche Einführungen von Gebühren für einst kostenlose Leistungen toleriert werden, weil der Nutzer der Kostenlosangebote es zu umständlich findet, wegen weniger Euro ein anderes freies Angebot zu suchen, und so werden aus Gewohnheitsnutzern kostenloser Angebote zähneknirschende Zahler (zunächst noch) geringer Gebühren. Selbst die Maßnahmen von Pay-TV-Veranstaltern gegen Hacker können so als eine Art Marketing-Argument verstanden werden: ist man erst hackbar, läßt also die Schwarzseher rein, und dann plötzlich nicht mehr, dann führt die Aussperraktion zu einer Welle von legalen Abos.

Neue Strategien

Das kann man erweitern: so könnte es beispielsweise sein, daß es durchaus nicht unerwünscht ist, daß Seriennummern durchsickern und Cracks im Netz kursieren, denn so können sich Leute, die ein Programm haben wollen, aber die Lizenz nicht bezahlen können, sich daran gewöhnen. Später werden sie es dann legal erwerben, zum Beispiel wenn sie nach dem Studium plötzlich zu Entscheidungsträgern werden, und es nicht wagen, den ganzen Betrieb mit geklauter Software auszustatten, denn das ist ja bekanntlich verboten, nicht erst seit der Reform des Urheberrechts im vergangenen Jahr. Kein Wunder, daß Softwarehersteller mit Universitäten besonders günstige Deals machen – schließlich ist die Kundenbindung bei Softwareprodukten gewohnheitsbedingt besonders lang. Und daß die meisten Formate auch unter XML-Bedingungen noch immer proprietär sind, man also Word-Dokumente oder Excel-Tabellen nicht (ohne weiteres) in StarOffice bearbeiten kann, dürfte auch kein Zufall sein, denn dann beträfe der Wettbewerb der Hersteller nur noch das Interface (und nicht mehr das gesamte Paket), und das wäre wohl zuviel des Guten. Hier zeichnet sich aber ein weiterreichendes, letztlich auch auf Opportunitätskosten basierendes Marketing-Modell mit derzeit noch nicht absehbaren Konsequenzen ab…

Digital Rights Management als neue Wettbewerbsstrategie

Ein Digital Rights Management (DRM) System basiert auf harten Verschlüsselungsalgorithmen und Lizensierungsmodellen, die die einzelnen Nutzungsaspekte individuell dem Hersteller oder Rechteinhaber zur Verfügung stellen. Programme und Inhalte können damit nach Belieben des Herstellers aktiviert oder deaktiviert werden, was nicht nur die Zensur einzelner Inhalte erlaubt, wenn Word beispielsweise plötzlich Dokumente nicht mehr öffnet, die Texte enthalten, die Microsoft nicht mag (oder dieses Dokument im Internet-Browser plötzlich nicht mehr angezeigt wird). DRM-Systeme erlauben auch Mietsoftware, zeitlich beschränkte Nutzung, Bezahlmodelle für einzelne Nutzungsvorgänge wie Pay-per-view oder Pay-per-use. Der Hersteller oder Rechteinhaber erhält damit die volle Kontrolle über das gesamte Nutzerverhalten, der damit nicht mehr Käufer eines Produktes, also Kunde, sondern Abhängiger wird, Klient, dem Rechteinhaber ausgeliefert. Nur daß es das alles noch nicht gibt. Aber das soll sich ändern.

The Next Generation Secure Computing Base

Schon in 2002 berichteten wir über die damals noch in Entwicklung begriffene "Trusted Computing" Architektur, die damals bei Microsoft noch "Palladium" hieß und inzwischen als NGSCB bekannt geworden ist. Inzwischen brüsten sich Firmen wie HP oder IBM damit, die Trusted Platform Modules schon in den PCs auszuliefern, vermutlich ohne, daß die Anwender deren Potential kennen, denn hierdurch wird der PC zu einer DRM-Maschine. Der User wird damit darauf vorbereitet, die Herrschaft über sein eigenes Gerät zu verlieren, denn was ab der nächsten Windows-Version, die Trusted Computing unterstützen soll, im "sicheren" Modus läuft, geschieht stets nur mit Wissen und Zustimmung der Medien- und Softwareindustrie, jederzeit abschaltbar, jederzeit zensierbar und stets beobachtet. Nationale Urheber- und Datenschutzgesetze können auf diese Art bequem umgangen werden.

Klient statt Kunde in der Abhängigkeitsökonomie

Unter dem öffentlich immer wieder geäußerten Vorwand, vor Viren und Trojanern schützen zu wollen, wird eine Überwachungs- und Erzwingungsinfrastruktur errichtet, gegen die die bisherige Malware wie Kinderspielchen anmutet. Daß es nicht um Schutz der Nutzer, sondern Schutz der Rechteinhaber weit über selbst das schärfste Urheberrecht hinaus geht, beweist die Tatsache, daß die Trusted Modules auch in Stereoanlagen und hochauflösende Fernseher einwandern sollen, so daß die Nutzung kopierter DVDs und sonst nicht lizensierter Inhalte selbst bei Umgehung der Kopiersperren im PC auf Seiten des Endgerätes nicht mehr möglich ist. Wir müssen uns also daran gewöhnen, von Kunden, die ein Produkt kaufen und dann im eigentumsrechtlichen Sinne damit in beliebiger Weise verfahren können, zu Klienten, also zu Abhängigen degradiert zu werden, deren rechte jederzeit von einer nunmehr digitalen Obrigkeit beschnitten oder ganz beseitigt werden können.

Free Things Always Hurt

Kostenlose Dinge sind immer schmerzhaft, weiß der (englische) Volksmund, wie Recht er hat. Die Kostenloskultur des Netzes hat uns an Dinge gewöhnt, für die jetzt kräftig abkassiert werden soll – und zwar erst Recht, wenn der PC zu einem Hochsicherheitstrakt geworden ist. Was durch umfassende Zensurmöglichkeiten praktisch die gesamte Kultur in die Hände einiger weniger Großkonzerne bringen könnte. Ganz so wie man derzeit die Energierationierung vorbereitet, soll uns offenbar auch die Freiheit des Geistes genommen werden. Die "New Economy" hat damit ihren Namen auch wirklich verdient, denn aus dem einst vorherrschenden Austausch nützlicher Güter macht sie schleichend die Verwaltung von Abhängigkeitsverhältnissen, eine Abhängigkeitsökonomie. Das liegt zwar im ökologistischen Trend, aber das macht die Sache nicht besser – wenn nicht noch schlimmer, denn die wirkliche Revolution in der Erfindung des Johannes Gensfleisch Gutenberg war die Unauslöschlichkeit des gedruckten Wortes, das man selbst auf Scheiterhaufen nicht mehr endgültig ausrotten konnte. Nichts aber begehrt die Diktatur so wie einen Endzustand der Geschichte, eine letztendliche Stabilität, einen stationären Finalzustand. Den hatte man im Mittelalter durch die Lehre von der Gottgegebenheit des Kaisertums erreicht geglaubt und durch die Erfindung der beweglichen Lettern verloren. Die Revolutionen und der Aufstieg des freien Bürgertums waren für fast ein halbes Jahrtausend die Folgen, gegen den Adel und bis hinauf zum Mond. Nunmehr kann das Ziel der Geschichte durch die Installation der neuen Ökochonder-Religion seit den 70er Jahren nunmehr die totale Kontrolle aller abweichenden Meinungen durch Einführung einer umfassenden Zensur-Infrastruktur wiedererlangt werden. Das ist also die schöne neue Welt, die derzeit am Entstehen ist.

Links zum Thema

Kleine Vorausschau auf den kommenden Wirtschaftsaufschwung | Neues Urheberrecht tritt in Kraft | TCPA: Auf dem Weg in die totale Kontrolle | EU-Kommissarin warnt vor Energie-Engpässen ab 2007 (interne Links).

Das könnte dich auch interessieren...