Das Ponzi-Spiel: Urahn aller Multi Level Marketing Spiele

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Charles Ponzi (1882-1949) begründete vor über 80 Jahren die nach ihm benannte Form des betrügerischen Pyramidenspieles, und kann daher als Begründer aller modernen Marketinmg-Sekten gesehen werden, die bis auf den heutigen Tag viele seiner Elemente übernehmen, aber vielfach weiter ausbauen und verfeinern. Dieser kleine Beitrag erzählt die geschichte des Charles Ponzi.

Ponzi wanderte im November 1903 in die Vereinigten Staaten aus, und schlug sich dort mit Gelegenheitsjobs durch – Tellerwäscher, Übersetzer und Kellner. 1917 zog er nach Boston, wo er einen Job als Sekretär begann. In dieser Tätigkeit hatte er oft mit ausländischer Post zu tun. In diesem Zusammenhang entdeckte Ponzi im August 1917 einen Mechanismus, der ihn – und andere – reich machen konnte.

Ponzi hatte einen Brief an einen Kunden in Spanien geschrieben, und der Antwort dierses Kunden lagen internationale Postantwortscheine bei. Ponzi hatte diese Postantwortscheine für seinen Auftraggeber zum Postamt zu bringen und sie dort in Briefmarken einzutauschen. Dabei fiel ihm auf, daß der Kunde in Spanien die Postantwortscheine für (damals) einen US-Cent erworben hatte; im Postamt in Boston erhielt Ponzi aber Briefmarken im Wert von 6 US-Cent. Das in den Postcoupons manifestierte Geld hatte sich also versechsfacht.

Ponzi entwickelte daraus eine clevere Geschäftsidee: da er keine Mitarbeiter in Spanien (oder anderen Ländern mit damals ungünstigen Wechselkursen) zum Aufkauf von Postantwortscheinen hatte, begann er Wertpapiere herauszugeben, in denen dem "Investor" eine Verdoppelung des eingesetzten Geldes in nur 90 Tagen versprochen wurde. Zunächst stiegen Familienmitglieder und Verwandte auf diese Idee ein. Mit dem Geld kaufte Ponzi Postantwortscheine in Europa, und verdoppelte tatsächlich das eingesetzte Geld – in nur 45 statt wie ursprünglich versprochen in 90 Tagen.

Kein Wunder, daß die Nachricht sich wie ein Lauffeuer verbreitete. Am 26.12.1919 meldete Ponti sein Gewerbe als "Security Exchange Company" an. Bald standen die Leute vor seinem kleinen Büro schlange und kauften Promissory Notes im Wert von 10 US$ bis 50.000 US$. Sie wußten aber nicht, daß Ponzi seine Neuinvestoren nicht aus dem Gewinn des Geschäftes, sondern den Einzahlungen vorheriger Opfer auszahlte – also ein nach modernen Maßstäben illegales Pyramidenspiel betrieb.

Am 26.07.1920 erschien ein Artikel auf der Titelseite der Boston Post, in dem die Rechtmäßigkeit des Geschäfts von Charles Ponzi bezweifelt wurde. Noch am selben Tag fand eine intensive Buchprüfung bei Ponzi statt, und innerhalb weniger Stunden standen Tausende vor seinem Büro an und wollten ihr Geld zurück. Ponzi gelang es, ca. 1.000 solche Ansprüche zu befriedigen.

Am 10. August desselben Jahres jedoch veröffentlichten die Buchprüfer ihr Ergebnis, daß Ponzi definitiv bankrott sei. Zudem wurde nun plötzlich bekannt, daß Ponzi 1908 in Kanada zu 20 Monaten Gefängnis wegen Fälschung und 1910 in Atlanta wegen Menschenhandels zu weiteren zwei Jahren Haft verurteilt worden war. Das führte am 13.08.1920 zu Ponzis erneuter Verhaftung.

Am Ende des Verfahrens gegen Ponzi standen ca. 40.000 Investoren, die Ponzi insgesamt ca. 15.000.000 US$ überlassen hatten, genug Geld, um ca. 180.000.000 Postantwortscheine zu kaufen. Man fand jedoch nur Belege über den Kauf von zwei solchen Postcoupons! Ponzis einziges legales Einkommen waren 45 US$ Dividenden aus Postaktien, aber sein Vermögen betrug zum Zeitpunkt des Zusammenbruches seines betrügerischen Unternehmens 1.593.834,12 US$, viel zu wenig um seine Schulden den Investoren gegenüber zu bezahlen, die im Durchschnitt zwischen 60% und 70% ihres eingesetzten Geldes verloren.

Ponzi wurde zu von einem Bundesgericht zu dreieinhalb Jahren Haft, später von einem Gericht des Staates Massachusetts zu weiteren neun Jahren verurteilt, aber auf eine Kaution von 14.000 US$ bis zur Berufungsverhandlung freigelassen – und verschwand.

Kurz darauf tauchte Ponzi unter dem falschen Namen Charles Borelli in Florida auf, wo er begann, Land für 16 US$/Acre zu kaufen, in Parzellen zu unterteilen und diese zu 10$ zu verkaufen. Er versprach seinen Anlegern, ihr ursprüngliches Investment von 10 Dollar würde sich in zwei Jahren auf 5,3 Millionen Dollar vermehren, vergaß aber anzumerken, daß das Land, um daß es ging, sich unter Wasser befand und völlig nutzlos war.

Ponzi wurde erneut verurteilt, floh erneut, wurde wieder gefaßt und landete schließlich in Haft in Boston, von wo er 1934 nach Italien abgeschoben wurde, wo er später als Übersetzer u.a. für Mussolini arbeitete, der ihm einen guten Job in Italiens neuer Airline anbot. Das Ende des 2. Weltkrieges brachte Arbeitslosigkeit für Ponzi, der nach Brasilien ging und sich dort wieder von Arbeitslosengeld und Gelehenheitsjobs über Wasser hielt bis er 1949 in einem Armenkrankenhaus in Rio starb. Die 75 US$, die er in den sechs Monaten zuvor gespart hatte, reichten gerade für seine Beerdigung.

Das Ponzi-Spiel ist in seiner kriminellen Energie schon zu seiner Zeit nicht neu (z.B. der Tulpen-Wahn war über 200 Jahre früher); seine Pyramidenstruktur macht es allerdings zum Modell für alle späteren Pyramidensysteme, die genau wie Ponzi entweder kein Produkt haben, oder ein völlig banales und nebensächliches Produkt, und die im Kern ebenso die Investoren aus den Einzahlern der Neueinsteiger ausbezahlen. Pyramidenspiele aller Art sind in Deutschland nach §6c UWG verboten und strafbar, aber diese Rechtsvorschrift wird leider viel zu selten angewandt.

Links zum ThemaGrundbegriffe des Multi Level Marketings | Zur Geschichte des Spekulationswahns Teil 1: Der Tulpenwahn in Holland | Teil 2: Der Tanz ums goldene Kalb | Teil 3: Der Südsee-Schwindel (interne Links)

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