Prüfungsstrategie: Warum der Mitschreiber durchfällt

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Kürzlich gemachte Erfahrungen mit Prüfungskandidaten im Bereich Betriebswirt/IHK lassen mich ratlos zurück, ratlos und besorgt, denn die berüchtigte "BSC-Frage" hat gezeigt, daß jetzt auch in der bislang rein reproduktiven QM-Prüfung Selberdenken angesagt ist, was manchen schwerfällt. Darüber, weshalb das so ist, und was man tun sollte, wird in diesem kleinen Aufsatz spekuliert.

Neue Anforderungen in der Prüfung

Traditionell mußte mitgeschrieben und auswendig gelernt werden, das war in Projektmanagement so, in Qualitätsmanagement und bis zu einem gewissen Grad auch in Marketing. Das heißt, daß wer den IHK-Textband bis zur Interpunktion kannte, kaum noch durchfallen konnte. Das hat sich jetzt anscheinend geändert: Plötzlich mußten selber Kennzahlen entwickelt werden, eigene Vorschläge für Erfolgsmaße entworfen werden, und das BSC-Verfahren mit Leben gefüllt werden: Der Auswendiglerner hat da keine Chance, und er hätte auch keine, wenn dieser Stoff im Textband gestanden hätte, weil die Kennzahlen und Zuordnungen auf diesen jeweiligen Fall bezogen werden sollten, also ein gut durchgearbeiteter Textband wenig geholfen hätte. Die Balanced Scorecard ist mit ihrer Vielseitigkeit und Flexibilität geradezu ein Musterbeispiel dafür. Und dabei hat das Sahnehäubchen noch gefehlt: die Frage nämlich, was die BSC mit dem in der gleichen Prüfung vorkommenden Ludwig Erhard Preis zu tun hat. Eine ganze Menge nämlich, denn der Qualitätspreis hat kein eigenes Bewertungsverfahren, so daß der Kandidat seine eigenen Qualitätsmaße entwickeln muß – Zum Beispiel gerade mit der BSC. Die Frage hätte die Katastrophe vollständig gemacht…

Mitschreiber und Mitdenker

Ein Schlüssel findet sich vielleicht in der offensichtlich schon aus alten Schulzeiten mitgeschleppten Lernmethode vieler Teilnehmer. Kaum fängt der Dozent an, etwas vorzutragen oder ein Thema einzuführen, wird jedes Wort mitgeschrieben, oft in wörtlicher Rede, manchmal noch mit den kleinen Witzchen zwischendrin. Es wird auch mitgeschrieben, wenn der Inhalt in einem IHK Textband vorliegt, oder in einer elektronischen Ressource. Am Schlimmsten ist es beim Einsatz von Folien: kaum erscheint die Folie auf dem Projektor, wird sie hektisch abgeschrieben, ohne dabei mitzudenken. Ich habe daher generell aufgehört, mit Projektorfolien zu arbeiten.

Von der Ruhe des Geistes

Manches unterliegt in der BWL anderen Definitionen als im Alltag, so beispielsweise der Kostenbegriff. Die Kostentheorie lehrt nämlich, daß die Zinsaufwendungen, die man beispielsweise einer Bank zahlt, nichts in der Kostenrechnung verloren haben, dafür aber auch Zinskosten zu rechnen sind, wenn gar keine Zinsen zu zahlen sind, etwa für Anlagen, die ein Investor in bar bezahlt. Dieser Sachverhalt ist ohne Zweifel schwer zu verstehen, und ich habe daher eine Menge Skriptmaterial hergestellt, das viele Ausdrucken und wenige lesen, und eine schöne Übersichtsfolie, die ebenfalls viele lesen, und fast alle abschreiben, wenn ich sie auf den Projektor lege, aber eben auch nur das: Nie werde ich die Studentin vergessen, die am Ende einer Kostenrechnungs-Veranstaltung plötzlich unvermittelt fragte, weshalb denn die Bankzinsen nicht in der Kostenrechnung vorkämen – das wäre doch wohl ein Fehler. Doch diesen Sachverhalt hatte ich Wochen zuvor detailliert dargelegt, und die Dame hatte alles schön sauber abgeschrieben – aber nichts verstanden, ja nichtmal gefragt, war also offenbar nichtmal bis zur kognitiven Dissonanz vorgedrungen, etwas Gelesenes (oder Geschriebenes) nicht zu verstehen. Kein Einzelfall, wie ich versichern kann… Was kann man solchen Leuten also diktieren, was verinnerlichen solche Menschen, ohne es zu hinterfragen?

"Warum diktieren Sie uns nicht einfach etwas?"

Die Vermutung steht im Raum, daß die Verhaltensweisen des Mitschreibers schon in früher Zeit eingeübt werden, was auch die ernstgemeinte Frage eines Erwachsenen vermuten läßt: "warum diktieren Sie uns nicht einfach etwas??". Hier glaubte jemand offensichtlich, man könne betriebswirtschaftliche Probleme mit auswendig gelernten Lehrsätzen lösen – und sich also die Mühe des Mitdenkens sparen. Wo hat er das her? Und, viel interessanter: warum wurde dieser Mensch so, wie er offenbar ist?

Die Erziehung zum Untertan

Totalitäre Staaten brauchen leicht regierbare Untertanen und keine mündigen Bürger. Der braune, der rote und der grüne Sozialismus gleichen sich mindestens in diesem Aspekt: wird zu viel gedacht, dann ist das am Ende noch staatsgefährdend. Kein Wunder also, daß selbständiges Mitdenken nicht gerade zum Ziel der schulischen Ausbildung gehört – in der DDR-Zeit sowenig wie in der alten "Bundesrepublik", denn Machtausübung und Herrschaft sind systemübergreifende Phänomene.

Schülerleistung ist Lehrerleistung

Dieser alte Grundsatz der DDR-Erziehung ist noch viel verhängnisvoller, denn er fordert indirekt, daß der Lehrer alle Schüler durchzuziehen habe und lastet die Verantwortung für Schülerversagen immer dem Lehrer an, was aber in vielen Fällen wenig gerechtfertigt ist. Kein Wunder also, daß Lehrer anfangen, Lehrmethoden auf kleinstem gemeinsamem Nenner zu entwickeln – und nicht mehr zu fordern, was nicht alle leisten. Und das Selberdenken gehört zweifellos zu den elitären Fähigkeiten, mit denen nicht alle Schüler gesegnet sind, so daß ein Lehrer mit der Forderung danach seine Karriere wunderbar ruinieren kann. Kein Wunder, daß Lehrmethoden und Prüfungen immer unkreativer und reproduktiver wurden – im Osten, wo dieser Grundsatz explizit galt, wie im Westen., wo er durch die Bildungsexperimente der 60er und 70er Jahre einsickerte.

Krisenvermeidung und Harmoniebedürfnis

Schließlich stelle ich die These auf, daß viele Menschen in der heutigen Welt ein ausgeprägtes Harmoniebedürfnis haben, das sie als Lebensparadigma internalisieren. Es wirkt sich daher auch auf die Art des Umganges mit Lehrstoffen aus, die übernommen aber nicht hinterfragt werden, denn das könnte einen Konflikt nicht nur im Rahmen des aktuellen Sachbezuges sondern auch mit lange geglaubten Lehrsätzen (und oftmals Lebenslügen) auslösen, der als sehr dissonant und unangenehm empfunden wird. Schon 1950 stellte H. Erikson eine ganz ähnliche These auf, und die mit besorgtem Gesicht gestellte Frage eines Studenten "aber der Treibhauseffekt ist doch unstrittig, oder??" auf meine Präsentation einer Grafik, die genau diese Frage aufwarf, illustriert das gut: hier habe ich einen Glauben zerstört, jemandem zum Überdenken seines Weltbildes aus Öko-Ängsten und Verleugnung eigener Bedürfnisse gezwungen. Wie unangenehm!

Die Härten des Digitalzeitalters

Schon an anderer Stelle wurden die Probleme diskutiert, die viele Menschen beim Umgang mit dem Dateisystem am Computer haben: offenbar werden grundlegende Konzepte der Dateiverwaltung und Rechnersteuerung nicht verstanden. Ich postuliere jetzt, daß dieses Probleme die prinzipiell gleiche Ursache haben, denn der "Mitschreiber" notiert sich den Weg zu einem Ziel in einem exemplarischen Kontext, erkennt aber nicht, daß es sich nur um einen Weg von vielen möglichen handelt, und versucht dann die gleiche Lösungsstrategie an anderer Stelle – was natürlich scheitert, oft schon daran, daß ein Steuerelement etwas anders aussieht. Computer fordern Mitdenken und Verständnis des Prinzips, nicht Wiederholung von auswendig Erlerntem. Der Mitschreiber ist daher signifikant häufig ein Computer-Analphabet. Sie scheitern daher in vielen Berufen und dilettieren in Arbeitsamtsmaßnahmen weiter, wo die Zeit bis zur Sozialhilfe verlängert oder die bis zur Rente überbrückt wird.

Was Hänschen nicht lernt…

Konnte man bisher den Wandel ignorieren und mit der Herde rennen, so scheint sich das jetzt zu ändern: wir brauchen neue Denkweisen, um nicht vollends zu einem Entwicklungsland zu verkommen. Die Pisa-Studie hat dabei nur offenbart, was Querdenker wie der BWL-Bote im Prinzip trotz aller Anfeindungen schon immer postuliert haben: wer sein Leben nicht träumen, sondern seinen Traum leben will, muß endlich lernen, verborgene Zusammenhänge zu erkennen und künftige Entwicklungen vorherzusagen. Das setzt die Erkenntnis zugrundeliegender Prinzipien voraus – wie es die Prüfung fordert, in der Kennzahlen der Produktivität auf die BSC angewandt werden sollen und die BSC auf den Ludwig Erhard Preis übertragen werden muß. Die Deutschen wurden einst als das Volk der Dichter und Denker bezeichnet – und Dichter und Denker sind Leute, die diese Fähigkeit überragend ausgeprägt haben. Aber das will heute eigentlich keiner, denn dann könnte verstärkt drüber nachgedacht werden, wie (ehemalige) Terroristen Innenminister, (ehemalige??) stalinistische Kader Umwelt- und Demontageminister, Straßenkämpfer und Bücherdiebe Außenminister und Pädophile Europaparlamentarier werden können, und das würde deren Machtausübung und Pensionen gefährden. Und Barschel, Möllemann und Paolo Pinkel sind gute Beispiele für das, was man mit solchen Leuten macht. Wollen Sie das wirklich?

Links zum Thema

Prüfung Betriebswirt/IHK vom 11. Juni: Die BSC-Frage | Häufige Irrtümer: Warum die Bankzinsen nichts mit den Zinskosten zu tun haben | Klick-klick oder die Didaktik des Dateisystems | Ausbilder-Eignungsverordnung abgeschafft | Die Ministerpensionen und der Gleichheitsgrundsatz (interne Links)

Literatur zum Thema

Erikson, Erik H.: "Kindheit und Gesellschaft. Aufsatz über das Wachstum des Ich", Klett-Cotta, 425 S, Stuttgart 1999, ISBN 3-608-94212-2.

 

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