Betriebswirt/IHK: Verbesserungsvorschlag Nr. 1: Die IHK-Textbände

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Schon seit längerer Zeit wird der Betriebswirte-Lehrgang der IHK aus verschiedenen Gründen kritisiert, und vielen wenn auch nicht allen dieser Kritiken schließe ich mich an. Aufgrund meiner langjährigen Lehrerfahrung, und meiner Erfahrungen mit der Auswertung der gegenwärtigen Prüfung, werden nun an dieser Stelle in loser Folge Verbesserungsvorschläge unterbreitet, die nach meiner Ansicht dazu beitragen könnten, Image und Erfolg dieser Ausbildung zu verbessern. Die Mitarbeiter des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, der örtlichen Kammern sowie des W. Bertelsmann Verlages werden gebeten, die Beiträge zu verfolgen und an die Verantwortlichen weiterzuleiten. Meine nichtöffentliche Teilnahme an Verbesserungen wird zugesagt. In dieser Folge machen Vorschläge über die IHK-Textbände den Anfang.

Die Textbände der IHK

Zusammen mit ihren Lehrgängen gibt die IHK seit Jahren Text- und Übungsbände heraus, die den wesentliche Stoff des Rahmenstoffplanes enthalten. Ziel ist offensichtlich, Dozenten und Teilnehmern einen Leitfaden durch die Inhalte anzubieten und den inhaltlichen Umfang der Prüfung abzustecken. Text- und Übungsbände existieren, soweit ich sehen kann, für praktisch alle IHK-Ausbildungen. Die Idee ist zwar gut, aber die Ausführung offenbar nicht.

Verfügbarkeit der Textbände

Offensichtlich aufgrund einer gerichtlichen Auseinandersetzung in der Vergangenheit werden die Textbände nicht nur nicht im Buchhandel angeboten; sie sind auch nicht über die IHK zu beziehen, sondern werden nur von den Kammern an ihre eigenen Lehrgangsteilnehmer herausgegeben. Das ergibt sich jedenfalls aus den unzähligen Hilferufen von verzweifelten Prüfungskandidaten, die ich im Laufe der Zeit erhalten habe, ihnen irgendwie Textbände zu verschaffen – irgendwie, d.h., mit wurde schon eine Menge Geld für meine Exemplare oder gar nur Kopien dafür geboten. Um es gleich klarzumachen: solche Bestechungsversuche habe ich stets abgelehnt – aber schon die Existenz eines solchen Schwarzmarktes ist mE nach ein unhaltbarer Zustand. Die Textbände sollten daher entweder für alle oder für keinen erreichbar sein – die gegenwärtigen Zustände sind meiner Ansicht nach untragbar und ein Nährboden für Korruption. Das können wir doch nicht wirklich wollen, oder?

Inhaltliche Kritik

Schon in einem vergangenen Beitrag zeigte ich, daß die Textbände inhaltlich oft schwach sind – von diversen Fehlern reicht die Kritik bis zu inhaltlicher Praxisferne. Im Forum für Betriebswirtschaft wird immer wieder über diese Inhalte gelästert – und das nicht ohne Grund. Kein Wunder also, daß viele Dozenten sich nicht an die Textbände halten, was aber nicht immer zum, Vorteil ihrer Teilnehmer ist, wenn man nämlich vorher nicht weiß, in welchem Fach die Prüfung wie der Textband gestrickt ist (Projektmanagement und Qualitätsmanagement, die klassischen Auswendiglernfächer), und in welchen das nicht so ist (Betriebswirtschaft/Controlling, ohne logisches Schließen keine Chance).

Das Rad erneut erfunden

Besonders sinnlos erscheint diese Strategie der Kammer, da die gesamte Literatur doch bereits in großer Menge vorliegt – schließlich ist die Betriebswirtschaft inzwischen eine etablierte Wissenschaft. Warum müssen also alle Inhalte in Schmalspurversionen erneut dargestellt werden, wo sie doch zur allgemeinen Kenntnisnahme in Bibliotheken und Buchläden für jedermann zu haben sind?

Prüfung und Anspruch

Der Lehrgang erhebt den Anspruch, Fachhochschulniveau aufzuweisen. Während man es sinnvoll finden kann, die wesentlichen Inhalte in einem Skript versammelt zu finden, so erreicht dieses doch nicht universitäres Niveau, bleibt also hinter seinem Anspruch beiweiten zurück. Zudem verführt das Vorliegen von Textbänden dazu, diese auswendig zu lernen und alles andere zu ignorieren. Wohin das führt, hat man diesen Sommer in der QM-Prüfung in der sogenannten BSC-Frage gut beobachten können: Die Balanced Scorecard ist zweifellos inzwischen ein Standardthema, aber keiner hatte es drauf, weil es im Textband nicht richtig drinsteht – die Textbände als Innovationsbremse mit der Prüfung als letztem Einschlagpunkt?

Eine Hilfe, die keine ist

Im Effekt hat die in Form der Textbände angebotene Hilfe das Niveau der Veranstaltungen eher gedrückt. Anstatt die Lehre und das Lernen zu unterstützen, ist man also (wenn man weiß, wie die bisherigen Prüfungen beschaffen waren), oft nur darauf fixiert, den Inhalt der Textbände zu vermitteln und kreativer Möglichkeiten als Dozent beraubt. Als Lernender wird man trainiert, auswendig zu lernen, anstatt Schlüsse zu fällen, verborgene Zusammenhänge aufzudecken und Gelerntes kreativ umzusetzen. Das "BSC-Problem" hat es gut gezeigt: ein Standardthema, das (fast) nicht im Textband steht, ist keinem bewußt – und, soweit meine Geheimhaltungspflicht es zuläßt sowas zu sagen, die außerordentlich kreativen und eigentlich potentiell hervorragenden Beziehungen zwischen der BSC-Frage und der nach dem Ludwig Erhard Preis, wurden anscheinend nichtmal vom zuständigen Prüfungslyriker erkannt (oder jedenfalls nicht angewandt), geschweige denn von den Teilnehmern.

Abschaffen, und zwar gleich

Ich schlage also vor, aus dem Drama mit den Textbänden endlich auszusteigen. Die DIHK-Schriftleitung hat bewiesen, nicht mit den Entwicklungen in der Wirtschaft inhaltlich mitzuhalten. Textbände wurden auf die peinliche neue Schlechtschreibung umgestellt aber inhaltlich nicht verbessert, sie schaden der Lehre mehr als sie nützen und sie werden nur selektiv herausgegeben, was mit Recht als Ungerechtigkeit empfunden wird. All dies scheint nicht dazu angetan, das Ziel der Veranstaltung leichter zu erreichen.

Konsequenzen einer Abschaffung

Für Dozenten würde die Durchführung der Veranstaltung schwieriger, weil sie eigenes Material und eigene Kompetenz mitbringen müßten. Das halte ich für sinnvoll, weil hierdurch diejenigen Kollegen ausgeschieden würden, die nicht über ausreichende inhaltliche Fähigkeiten verfügen.
Für Teilnehmer würde die Veranstaltung gerechter, weil es keine selektiv, d.h., für bestimmte Personen unerreichbare Grundlage mehr gäbe, und ebenfalls schwieriger, weil sie sich jetzt selbst um Literatur kümmern müßten. Auswendiglernen würde in den Prüfungen nichts mehr bringen, weil es nichts mehr gibt, was verbindlich auswendig gelernt werden muß; das ist zwar härter, entspricht aber den Verhältnissen in der Wirklichkeit, denn Standardlösungen greifen nur in den seltensten Fällen, und wir lernen doch für das Leben und nicht die Schule, oder?
Die Prüfungen wären jetzt schwerer zu machen, weil man nicht mehr mit dem Messer in einen Textband stechen und nach dem fragen kann, worauf die Messerspitze zufällig zeigt – "Nennen Sie fünf Vorteile von", "Was bedeutet die Abkürzung�" oder "Ergänzen Sie die Beschriftungen in der Grafik" – solche Fragen mit Lehrlingsniveau gehörten dann hoffentlich der Vergangenheit an. Die Abschaffung der Textbände würde also auch dem Niveau der Prüfung eher nützen als schaden.
Im Ergebnis würde die Veranstaltung besser, weil man jetzt gezwungen wäre, sich auf dem freien Markt um Literatur zu kümmern, die dem universitären Anspruch eher entspricht – Wöhe, Kotler, Hórvath, Meffert oder einfach nur meine beiden "Dauerassistenten", die Herren Schmolke und Deitermann – die Standardwerke, die ein Student kennen muß, sollte auch ein IHK-Teilnehmer gelesen haben.
Die Kosten der ganzen Operation würden zurückgehen, weil die Honorare und Druckkosten für die Textbände fortfielen.

Weitere Vorschläge

Kommen Sie von Zeit zu Zeit wieder – weitere Vorschläge zum Rahmenstoffplan, zu Prüfungen und zur Lehrgangsdurchführung werden an dieser Stelle gemacht werden. In diese Vorschläge werden meine langjährigen Erfahrungen mit Prüfungen und Seminaren eingehen, und sie werden, wie es bei mir so üblich ist, auf die Ziele einzelner Interessengruppen keine Rücksicht nehmen, sondern nur die Verbesserung des Ergebnisses der Veranstaltung zum Ziel haben – eine Maßnahme des Qualitätsmanagements also.

Links zum Thema

Forum für Betriebswirtschaft | Die IHK-Textbände: Warum sie schlecht sind, weshalb man sie dennoch braucht und wo man sie herkriegt | Prüfung Betriebswirt/IHK vom 11. Juni: Die BSC-Frage | Betriebswirt/IHK und Technischer Betriebswirt: Unbotmäßige Anmerkungen zum Rahmenstoffplan | Betriebswirt/IHK und Technischer Betriebswirt: wo sind die Unterschiede? | Betriebswirt/IHK: Empfehlungen zur Prüfungsvorbereitung (interne Links)

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