Klick-klick oder die Didaktik des Dateisystems

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Neben der Herstellung und Herausgabe der bekannten Die BWL CD unterrichte ich auch noch an mehreren Organisationen (u.a. der örtlichen IHK), und ein didaktisches Problem geht mir durch den Kopf, das ich hier zur Diskussion stelle: warum fällt manchen Anwendern der Umgang mit dem Dateisystem so schwer? Weshalb verirren sich so viele User im Explorer und wissen nicht, wo ihre Dateien zu finden sind? Das Problem ist generell zu beobachten – auch bei vielen Anwendern, die mit "meiner" CD nichts zu tun haben. Es ist daher ein generelles didaktisches Problem relevant für alle, die Computerunterricht oder Unterricht mit Computerunterstützung geben.

Dateien werden nicht gefunden

Neben dem Lexikon für Rechnungswesen und Controlling gibt es bekanntlich eine größere Zahl von Dateien über Buchhaltung auf meiner CD. Dennoch hat es mal ein Anwender geschafft ernsthaft zu fragen, ob ich denn auch Inhalte zur Buchführung hätte. Hat dieser Mensch einfach nicht richtig nachgeschaut, oder liegt hier ein grundlegendes Problem vor?
Ein anderer Anwender hat meine CD zurückgeschickt mit der Begründung, sie enthalte zu viele "sinnlose" Bildchen mit irgendwelchen Schriftzügen – hat da jemand die zu den Webseiten gehörenden GIF- und JPG-Dateien einzeln geöffnet? Die sind nämlich die einzigen "Bildchen mit Schriftzügen" auf der CD.

Woher kommen solche Probleme?

Einst unterrichtete ich Projektmanagement und Projektkalkulation, und alle Teilnehmer hatten die CD (meine Teilnehmer bekommen sie kostenlos). Ich bezog mich auf Gesetzestexte und Manuskripte, und einige der Kursteilnehmer, wohlgemerkt Leute mit dem Wort "Ingenieur" im Titel, brauchten Hilfe, die entsprechenden Ordner (im Hauptverzeichnis der CD) zu öffnen ("Klick-Klick"). Selbst als sie das auf der Reihe hatten wunderte ich mich aber, daß ständig gefragt wurde, weshalb dies oder das nicht vorhanden sei, wo es doch eindeutig vorliegen mußte – bis ich nach einiger Zeit herauskriegte, daß nicht erkannt wurde, daß Dateien in unterschiedlichen Ordnern liegen. Manuskripte "fehlten" also, wenn jemand gerade den falschen Ordner offen hatte.

Die Geheimnisse des Dateisystems

Warum fällt es manchen Leuten so schwer, die Struktur des Dateisystems zu erkennen? Um das herauszufinden, habe ich einen Auftrag angenommen, ein Windows-Grundlagenseminar zu unterrichten (ECDL Modul 2). Auch hier ist es so, daß nach mehreren Tagen Übungen mit dem Dateisystem einige Teilnehmer schlicht nicht in der Lage sind, eine Datei von einem Ort an einen anderen zu kopieren oder Dateien immer noch mit Standarddateinamen ("Mappe1.xls") irgendwohin speichern und sie nachher endlos und vergeblich suchen. Daß ein Fenster mit dem Balken am oberen Rand verschoben werden kann, verschließt sich manchen Teilnehmern ebenso wie wofür die rechte Maustaste und das Kontextmenü gut sind.

Die Induktivmethode und das repetive Lernen

Wenn ich Grundlageninhalte deduktiv vermittelt habe, verwende ich gerne die Induktivmethode, d.h., ich versuche Teilnehmern nichts einfach zu sagen ("vorkauen"), sondern sie durch geschicktes Fragen selbst zu der Erkenntnis zu bewegen. So vermittele ich erst die Funktion der rechten Maustaste (Kontextmenü), sage dann aber nicht mehr "auf den Desktop rechts klicken", sondern frage "wie könnten Sie jetzt die Einstellungen des Desktop verändern?". Der Zusammenhang wird aber nur in den seltensten Fällen verstanden. Oder ich fordere einen Teilnehmer auf, die Dateien in einem Explorerfenster zu "sortieren", wenn der im Ansicht-Menü den Menüpunkt "Anordnen" schon vor sich sieht – auch der Schluß von fällt unendlich schwer. Einmal gemachte Erkenntnisse werden also nicht auf ähnliche Situationen übertragen – Rechtklick und "Eigenschaften" als generelle Lösungsstrategie, oder "Anordnen = Sortieren" – das überfordert viele, selbst studierte Leute. Aber warum?

Der Mitschreiber und der Mitdenker

Der von einem Teilnehmer gehörte Satz "das habe ich mir aber ganz anders aufgeschrieben" könnte eine Lösung weisen: es wird nämlich jedes Dozentenwort wie geheiligte Wahrheit aufgeschrieben, aber gerade deshalb nicht mitgedacht. Selbst meine kleinen Witzchen zur Auflockerung finde ich oft wörtlich mitgeschrieben. Computer funktionieren aber anders: wer sich die Arbeitsweise im Explorer aufschreibt, kommt mit dem Arbeitsplatz nicht klar, weil dort der nebenstehende Baum fehlt. Und wehe ich entferne die Symbolleiste – dann muß man ja mit den Menüs arbeiten. Oder gar rechtsklicken: Drei Lösungswege für dasselbe Problem – so was darf es nicht geben. Auch daß die Schnellstartleiste und das Startmenü nur Ordner sind – wenngleich in anderer Ansichtsform – und daher mit den selben Techniken zu bearbeiten sind, wird in der Regel nicht erkannt. Solche Ähnlichkeiten müssen aber durchschaut und Konzepte müssen analog übertragen werden – was aber nicht schafft, wer auf Auswendiglernen gedrillt wurde. Der allen Ernstes gehörte Satz "warum diktieren Sie uns nicht einfach etwas?" illustriert das auf drastische Art und Weise.

Drill und Untertan

Vielleicht liegt ein Schlüssel zu dem Problem in der Untertanenmentalität, auf die das Schulsystem mancherorts vorbereitet: man soll wissen, auswendig lernen aber nicht denken, denn wer denkt, ist schwerer (oder har nicht) zu regieren. Diese obrigkeitshörige Mentalität der Vergangenheit liegt aber der Computertechnik fern, wo alles nur eine virtuelle Ansicht ist und dasselbe Problem in immer wieder anderer Form in Erscheinung tritt. Ähnlichkeiten zu erkennen wird aber nicht trainiert – und dann sogar so sehr abgelehnt, daß mir die Teilnehmerin, die nicht schließen konnte, daß man mit dem Rechtsklick auf den Bildschirmhintergrund die Eigenschaften des Bildschirmes ändern (und zum Beispiel einen Bildschirmschoner einstellen) kann, allen Ernstes einen Menschenrechtsverstoß vorwarf. So emotional ist das offensichtlich belastet!

Ein grundlegender Paradigmenwechsel

In einer Datenbank oder einem Dateisystem ist (für den Anwender) nie sichtbar, was "wirklich" in der Tabelle steht (oder auf dem Datenträger los ist) – alles sind nur Ansichten, Abfragen und Auswahlen. Das ist ein Grundparadigma der Virtualität: es ist "alles nichts und nichts alles". Alles ist überall zugleich, nichts ist mehr einfach und geradlinig, immer führen viele Wege nach Rom. Der Computer als Metapher dieser modernen Denkweise überfordert aber alle, die im Raster Y=f(x) gelernt haben: eine Ursache erzeugt eine Wirkung heißt, die Ursachen zu lernen bedeutet wie Wirkungen zu kontrollieren. Die Welt ist komplexer geworden – und mit ihr die relevanten Lösungsstrategien. Kreativität ist gefordert – und wenn nur die Kreativität, einmal rechts zu klicken oder "Sortieren" mit "Anordnen" in Verbindung zu bringen. Und daran mangelt es im Obrigkeitsstaat. Doch wie bringt man das in der Erwachsenenbildung rüber? Eine Antwort habe ich nicht wirklich gefunden. Nur ein paar Einsichten.

Links zum Thema

Lexikon für Rechnungswesen und Controlling | Die BWL CD (interne Linkss)

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