Virtuelle Metatrends und die strategische Szenarioanalyse

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Während die taktische, d.h., kurzfristig-mathematische Szenarioanalyse seit langem Lehrstoff und Gegenstand von Prüfungen ist, kann man auch eine strategische Szenarioanalyse unterscheiden. Diese ist langfristig und unmathematisch und sucht, gesellschaftliche Strömungen zu identifizieren und auf ihre praktische Relevanz für das Marketing zu beziehen. Der folgende kleine Beitrag ist das Ergebnis eines Firmenbesuches von wenigen Tagen und ist Teilweise im Stichwort "Szenariotechnik" im Lexikon für Rechnungswesen und Controlling ab Version 7.21 auf der BWL CD (Herstellungsdatum ab 23. Mai 2003).

virtuelle Metatrends

Während andere europäische Länder und die USA schon vor Jahrzehnten exakte leistungsbezogene Abrechnungen für Telefonkunden einführten, mußten in Deutschland Einzelverbindungsnachweise erst Mitte der 90er Jahre gegen großen Widerstand der Politiker und der Telekom erkämpft werden – und bis heute sind noch immer Nummernausweise aus "Datenschutzgründen" mit XXX am Ende der Nummer unkenntlich gemacht. Dabei ist das Datenschutzrecht gerade ein Offenheitsrecht, das ein Anspruch der Person auf informationelle Selbstbestimmung – und damit auch auf Auskunft über die Inanspruchnahme von Diensten – verbrieft. Weshalb also die Geheimhaltung?

Feindsender!

In Deutschland war jahrzehntelang das Hören von Auslandssendern ("Feindsendern") eine Straftat, und noch in den 80er Jahren eine Satellitenschüssel praktisch ein Akt gelebten Hochverrates. Leute waren noch zur Wendezeit in Haft geraten, weil sie ihre Telefone und ihre Computer gekoppelt hatten – Modems waren ebenfalls verboten! Offenbart sich in beiden Fällen die gleiche zugrundeliegende Ursache?

Das Ende des Obrigkeitsstaates

Staatliche Lenkung und Kontrolle der Telekommunikation in jedem Bereich ist eine Konstante, die seit der Zeit der Kaiserlichen Reichspost in Ost wie West gleichermaßen beobachtet werden kann, und systemübergreifend in der Nazizeit, der alten "Bundesrepublik" und der ehemaligen DDR zu beobachten war. Dieser Trend wurde offenbar gegen Ende der 80er durch das aufkommende Satellitenfernsehen, gegen das obrigkeitliche Mittel machtlos waren, und gegen Anfang/Mitte der 90er Jahre durch das Internet, das sich ebensowenig verhindern ließ, von einem neuen Paradigma der offenen und staatsfreien Kommunikation abgelöst. Virtualität, Offenheit und Vernetztheit sind damit die neue Leitidee, Staatsfernsehen, kontrollierte Kommunikation und Geheimhaltung die alte.

Zwei gegensätzliche Paradigmen

Beide Leitideen ("Paradigmen") lassen sich jeweils in Produktideen umsetzen, etwa neue Netztechnologien (neues Paradigma) oder Techniken zum Schutz der Privatsphäre in der vernetzten Welt (altes Paradigma). Die gegenwärtig so stark betriebene Einführung von Einzelauthentifizierungstechniken, die jeglichen digitalen Nutzungsvorgang kontrollieren und ggfs. auch zensieren können, kann als moderne Erscheinungsform des alten Paradigmas gesehen werden, denn ganz so wie die Sowjetunion, die einst alle Schreibmaschinen registrieren wollte, werden heute alle Rechner registriert und Software einzeln lizensiert.

Kollektivismus und Individualismus?

Das "alte Paradigma" ist im Kern kollektivistisch; aus dem Nationalstaat, dessen letzte und schlimmste Erscheinungsform der Sozialismus jedweder Prägung war, wurde es geboren, und seine Züge trug es bis zum Schluß; das neue Paradigma ist individualistisch und staatsfern, im Ansatz anarchistisch und chaotisch wie freie Software, unregierbar, kreativ und basisdemokratisch.

Was bringt die Zukunft?

Die Abschätzung einer möglichen zukünftigen Entwicklung (etwa Durchbruch der freien Software, große Verbreitung von Linux und Zurückdrängung von Microsoft, Sieg der proprietären Systeme und weite Verbreitung von DRM-Systemen, Kontrolle von Rechteinhabern über jeglichen Nutzungsvorgang und damit eine Art der digitalen Diktatur) ist die Basis für die strategische Entwicklung neuer Produkte aber zugleich auch eine Vorhersage über die kommenden Jahrzehnte gesellschaftlicher Entwicklung. Die proprietäre Microsoft-Variante ist dabei im Kern die Fortsetzung des kollektivistischen Paradigmas, denn sie würde irgendwann zur zentralen Kontrolle (und Gängelung) aller Rechner führen: der große Bruder wüßte immer, wer gerade was liest, tut oder sieht. Die Linux-Variante hingegen wäre die logische Fortsetzung der bisher chaotischen und staatsfernen Entwicklung der Netzwelt, denn hier haben zentrale Lizensierungsbehörden und Microsofts Authentifizierungsserver nichts mehr zu suchen. Die rechtzeitige Prognose einer der beiden untereinander möglicherweise inkompatiblen Entwicklungen kann bedeutsam für die frühzeitige Besetzung relevanter Marktnischen und Produktfelder sein und ist damit ein grundlegendes strategisches Entscheidungsproblem.

Links zum Thema

Lexikon für Rechnungswesen und Controlling | Die BWL CD (interne Linkss)

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