Geht die Schlechtschreibreform auf ein Nazi-Projekt zurück?

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Es ist bekannt, daß das Schlechtschreibreformprojekt gegen den in einer Volksabstimmunge erklärten Willen des Volkes mit der bekannten Arroganz der Macht durchgesetzt wurde, also mit einer demokratischen Entwicklung wenig zu tun hat. Viel weniger bekannt ist aber, daß die derzeitige Reform frappierende Ähnlichkeiten mit einem ebensolchen Projekt von SA-Obergruppenführers und Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung Bernhard Rust zu tun hat – und der hatte sein Reformprojekt unter anderem aufgrund entsprechender Äußerungen von Adolf Hitler durchsetzen wollen. Ist die Rechtschreibreform also ein verspätetes Nazi-Projekt?

Eine lange Geschichte

Schon 1936 als preußischer- und später als Nazi-Staatsminister strebte Rust eine Rechtschreibreform an, die eine "grundlegende Vereinfachung" erbringen sollte. Gefördert wurde dies durch Äußerungen Hitlers, man könne durch die Kleinschreibung 35.000 Tonnen Blei sparen und zudem durch Vereinfachung Zeit bei der Ausbildung. Die Vorschläge, die die Rustsche Kommission im August 1941 vorlegte, kehrten dann in ähnlichen Reformansätzen der "Stuttgarter" und "Wiesbadener" Empfehlungen westdeutscher Expertengruppen von 1953 und 1958 wieder und bilden schließlich Kernelemente der 1999 in Kraft getretenen Schlechtschreibreform – eine Kontinuität der Geschichte?

Die Schlechtschreibreform des SA-Obergruppenführers und Reichsminister Rust

Schon die auffälligste "Neuregelung" der Schlechtschreibreform ist so neu nicht: "muss" statt "muß", "dass" statt "daß" oder "Kuss" statt "Kuß" wurde schon von Reichserziehungsminister Rust als großer Reformwurf verkauft. Ausgedacht hat er es sich freilich nicht: diese nur scheinbar logische Regel ist eine Erfindung Johann Christian August Heyses, der 1829 starb, oder seines Sohnes Karl Wilhelm Ludwig Heyse. Erst 50 Jahre nach ihrer Erfindung wurde die Heysesche "s-Schreibung" erstmals offiziell eingeführt: Von 1879 bis 1902 galt sie in Österreich.
Die Buchstabengruppen "ph" und "th" sollten in Fremdworten durch "f" und "t" ersetzt werden: "Delfin" statt Delphin, "Fotograf" statt dem (damal üblichen) Photograph und "Filosof" statt "Philosoph". Kennen Sie das? Auch Knaller wie "Strofe", "Tron", "Fosfor" und "Sfäre" werden heute wieder als moderne Reform vermarktet, sind aber keinesweg neu, sondern braunen Ursprungs! Auch das Eindeutschen französischer Schreibweisen auf "-ou", "-ai" und "-eu" war Reformgegenstand: "Majonäse", "Ragu", Miliö" oder "Tur".
Die gegenwärtige Reform geht aber über ihre Nazi-Anfänge noch etwas hinaus: so sollte bei Zusammensetzungen, in denen der Mitlaut dreimal zu schreiben wäre, dieser nur zwei mal stehen ("Schiffahrt"), aber bei Trennungen der dritte Mitlaut erscheinen ("Schiff-fahrt"). Das hat die neue Reform vereinfacht: immer "Schifffahrt".
Auch die Trennung von "st" wurde damals schon vorgeschlagen: "Fens-ter", und "Rüs-tung" stehen ausdrücklich als Beispiele z.B. in der "Dortmunder NS-Zeitung" vom 28.06.1944.

Personelle Parallelen

Und die Parallelen gehen noch weiter, erschreckend weiter: so gehören der zwischenstaatlichen Reformkommission, die die Schlechtschreibreform unserer Tage ausgearbeitet hat, mit Otto Basler, Karl Reumuth, Franz Thierfelder und Theodor Frings schon Personen an, die auch für Reichsstaatsminister Rust gearbeitet hatten. Nur auf Bernhard Rust müssen wir leider verzichten: der beging am 8. Mai 1945 Selbstmord.

Undemokratische Tradition

Aber in diktatorischen Handlungsmustern bewegen wir uns noch immer: hatte 1941 noch der "Gesetzgeber" eine Sprachreform versucht, so wurde es in den 90ern durch eine zwischenstaatliche Kommission versucht, die ihren Willen sogar gegen die Volksabstimmung in Schleswig-Holstein durchsetzen konnte: und das im Rahmen des antiplebiszitären Grundgesetzes, in das die Siegermächte hohe Hürden gegen Volkes Wille eingebaut haben, auf daß das Volk, das Adolf gewählt hat, nie mehr über etwas Wichtiges abstimmen dürfe. Offenbar sind demokratische Traditionen – deshalb? – noch immer so unbekannt, daß man unter einer Bundesregierung versucht, was schon unter Adolf probiert wurde – und darüber regt sich noch nicht einmal wer auf. Auch nicht die wilden 68er-Reformpädagogen, die die Reform als Waffe gegen ein repressives Bildungssystem postulierten, aber offenbar den Bock zum Gärtner machen wollten, oder den Mengele zum Vorsitzenden des Ärztebundes, sozusagen…

Literatur zum Thema

Birken-Bertsch, Hanno und Markner, Reinhard: "Rechtschreibreform und Nationalsozialismus. Ein Kapitel aus der politischen Geschichte der deutschen Sprache", Göttingen 2000, ISBN 3-89244-450-1

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