Zur Theorie der "Schweigespirale": über das Entstehen totalitärer Strukturen

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In einer Zeit das Kriminelle in Parlamenten sitzen und Regierungen repressive Maßnahmen beschließen, ohne daß sich nennenswerter Widerstand regt, ist interessant zu untersuchen, welche Mechanismen solche Politiken gegen die Interessen der Menschen erlauben. Funktioniert die Demokratie nicht richtig, und wenn nein, weshalb? Die Theorie der sogenannten "Schweigespirale", die von Elisabeth Noelle-Neumann in den 70er Jahren entwickelt wurde, könnte eine Erklärung liefern.

Halt' die Klappe

Noelle-Neumann postulierte in den 70er Jahren, daß Menschen um soziale Isolation zu vermeiden ihre Meinung verleugnen und sich einer wahrgenommenen Mehrheitsmeinung anschließen – selbst dann, wenn diese offensichtlich falsch ist. Das gehe nach Noelle-Neumann in folgenden Schritten vor sich:

  • Es besteht bei einem Individuum der Wunsch, im sozialen Umfeld nicht isoliert zu sein. Daraus ergibt sich ein Konformitätsverhalten in Gruppensituationen, d.h. man schließt sich aufgrund eines Gruppendruckes der Mehrheit an.
  • Menschen verfügen über ein "quasi-statistisches Wahrnehmungsorgan", d.h. sie haben die Fähigkeit, innerhalb ihrer Bezugsgruppe und der anonymen Öffentlichkeit (!) die Zu- oder Abnahme von Meinungsverteilungen wahrzunehmen.
  • Die eigene Meinung wird verschwiegen, wenn man denkt, daß die Mehrheit anderer Meinung sei. Auf der anderen Seite ist man redebereit, wenn man sich zu der Meinungsmehrheit zugehörig fühlt.
  • Auf diese Weise entsteht unter Einbeziehung des Zeitfaktors eine dynamische Entwicklung, d.h. die zunehmende Meinungsfraktion erscheint immer stärker und die abnehmende Fraktion immer schwächer, als sie eigentlich ist. Es entsteht die Schweigespirale.

Der Effekt betrifft die Menschen am stärksten, die das größte Harmoniebedürfnis haben, und die am schwächsten oder überhaupt nicht, die sich nicht um die Meinungen anderer scheren und ihre Ansichten sagen – doch dies ist eine kleine Minderheit. Daraus folgt freilich auch, daß jede wenigen starken Individuen damit eine Führerrolle übernehmen können, was der Theorie eine gewisse Brisanz verleiht: die Theorie von der Schweigespirale ist damit eine kommunikationstheoretische Theorie der Herrschaft. Was aber bedeutet das für die mikroökonomische und die nationalökonomische Ebene?

Betriebswirtschaftliche Implikationen

Wenn wenige starke Individuen die Führung übernehmen, können Sie eine Mehrheit zu Handlungen bringen, die sie eigentlich nicht wollen aber doch mittragen. Auch das ist überzeugend und anschaulich beschrieben worden: als das sogenannte Abilene-Paradoxon:

"Es war an einem nachmittag im Juli in Coleman, Texas (Einwohner: 5607), und dieser Nachmittag war ein besonders heißer: 42°C im Schatten. Außerdem blies der Wind die feinkörnige Erde von West-Texas durch das Haus. Aber der Nachmittag war dennoch einigermaßen tolerabel, wenn nicht gar potentiell erfreulich. Ein Ventilator lief auf der hintersten Terrasse; es gab kalte Limonade; und dazu wurde zu allem noch Unterhaltung angeboten: Dominosteine. Ideal bei diesen Bedingungen. Das Spiel verlangte kaum mehr an physischer Anstrengung als die gelegentliche Bemerkung "Mischen!" und gänzlich uneilige Armbewegungen, um die Steine an den richtigen Platz auf dem Tisch zu bringen. Alles in allem, es war die Situation eines angenehmen Sonntagnachmittags in Coleman. Dies jedenfalls so lange, bis mein Schwiegervater plötzlich sagte: "Laßt uns ins Auto steigen und in Abilene in einem Restaurant zu Abend essen".
Ich dachte: "Was, nach Abilene? Dreiundfünfzig Meilen? In diesem Staubsturm und bei dieser Hitze? Und das in einem 1958 Buick ohne Klimaanlage?"
Aber meine Frau fiel ein mit den Worten: "Klingt wie eine gute Idee. Ich würde gerne gehen. Machst Du mit, Jerry?" Da meine eigenen Präferenzen offensichtlich weit von jenen der anderen entfernt waren, gab ich zur Antwort: "Mir ist es recht" und fügte hinzu: "Ich hoffe nur, daß deine Mutter auch gerne geht". "Natürlich gehe ich gerne", sagte meine Schwiegermutter. "Ich war schon lange nicht mehr in Abilene".
So also hinein in das Auto und ab ging's nach Abilene. Meine Voraussagen wurden voll bestätigt. Die Hitze war brutal. Wir waren bedeckt mit einer feinen Staubschicht, die, bis wir ankamen, vom Schweiß festzementiert wurde. Das Essen in dem Restaurant war geeignet, um in einem Werbespot für Mittel gegen Magenbeschwerden eingesetzt zu werden.
Ungefähr vier Stunden und 106 Meilen später waren wir wieder in Coleman zurück, überhitzt und erschöpft. Wir saßen vor dem Ventilator und es wurde lange nicht gesprochen. Dann, teils um sozial zu sein, teils um das Schweigen zu brechen, sagte ich: "Es war ein großartiger Ausflug oder etwa nicht?"
Niemand sprach.
Nach einiger Zeit allerdings sagte meine Schwiegermutter etwas irritiert: "Also, um die Wahrheit zu sagen, mir hat es nicht soviel Spaß gemacht, ich wäre lieber hier geblieben. Ich bin nur mitgegangen, weil ihr drei so begeistert wart. Ich wäre dageblieben, wenn ihr alle mich nicht bedrängt hättet".
Ich konnte es nicht glauben. "Wen meinst du mit ihr alle?`, sage ich "Zähl mich nicht zur "ihr alle"-Gruppe. Ich war darauf aus, kein Spielverderber zu sein. Ich ging nur, um den Rest von Euch zufriedenzustellen. Ihr seid die Schuldigen".
Meine Frau sah schockiert aus. "Nenn mich hier nicht die Schuldige. Du und Vater und Mama waren diejenigen, die gehen wollten. Ich ging nur deshalb mit, um sozial zu sein und euch bei Laune zu halten. Ich wäre nie so verrückt gewesen, bei dieser Hitze ausgehen zu wollen".
Mein Schwiegervater beendete diese Unterhaltung abrupt: "Zur Hölle", sagte er nur, um dann mit Erklärungen fortzufahren, die im vorhinein eigentlich schon absolut klar waren: "Hört mal zu: Niemals wollte ich nach Abilene fahren. Ich hatte nur das Gefühl, ihr könntet euch langweilen. Eure Besuche sind so selten, und ich wollte sicher gehen, daß ihr sie genießt. Ich meinerseits hätte es vorgezogen, ein weiteres Domino-Spiel zu machen und die Reste aus dem Eisschrank zu Abend zu essen".
Nach diesem Ausdruck gegenseitiger Beschuldigungen sanken wir alle in ein Schweigen zurück. Hier saßen wir also, vier einigermaßen intelligente Leute, die auf der Grundlage eigener Willenserklärungen gerade einen 106-Meilen-Ausflug über ein gottvergessene Wüste in einer ofenähnlichen Hitze durch Wolken von Staub gemacht hatten, um ein ungenießbares Abendessen in einem Loch von einem Lokal in Abilene einzunehmen, während in Wirklichkeit keiner von uns hatte eigentlich gehen wollen. Um genauer zu sein: Wir haben gerade das Gegenteil von dem gemacht, was wir gewollt haben. Diese ganze Situation enthielt einfach keinen rechten Sinn".

Zur Meinungsführerschaft im Marketing

Noelle-Neuman postuliert, daß die Massenmedien eine wesentliche Rolle bei der Entstehung von Schweigespiralen spielen:

  • Dem Individuum stehen zwei Quellen zur Verfügung: die direkte Umweltbeobachtung im sozialen Kontext und die indirekte Beobachtung über Inhalte der Massenmedien
  • Die Massenmedien übernehmen eine Artikulationsfunktion: Indem sie Themen zum Gegenstand der öff. Diskussion machen, fällt Menschen mit demselben Standpunkt (wie dem in den Medien) die Artikulation im sozialen Umfeld leichter.
  • Die Wirkungsmöglichkeiten der Medien sind größer, wenn die Medieninhalte stark konsonant sind, weil fehlende Auswahlmöglichkeiten die selektive Zuwendung verhindern.
  • Journalisten haben somit einen erheblichen Einfluß auf den Prozeß und die Veränderung der öffentliche Meinung.

Das ist auch für die betriebswirtschaftliche Auswertung relevant: während wir hier nämlich nicht den redaktionellen Teil betrachten, sind die überzeugend und häufig geäußerten Aussagen der Werbung und des Public Relations die für den Kunden wahrnehmbaren Äußerungen der Betriebe, die (im Falle von PR) oft nichtmal klar vom redaktionellen Teil zu trennen sind. Es liegt daher die Annahme nahe, daß auch durch Werbung im Wege einer Schweigespirale "unwahre" Aussagen in die Köpfe der Leute eingepflanzt werden können – was praktisch einer Gehirnwäsche entspricht. Nur so kann es erklärt werden, daß wirkungslose Placebos als "Nahrungsmittelergänzungsstoffe" und schlechte Waschmittel in immer kleineren Mengen zu immer höheren Preisen als bessere Produkte verkauft werden können, also kleinere Brötchen mit dem Argument verkauft werden können, sie sättigten besser.
Die sogenannte Schweigespirale begründet damit die Wichtigkeit des Marketing: es kommt nicht auf das Produkt an, sondern auf die Kommunikation.
Geschieht das auf einer persönlichen Ebene, d.h., wird Meinungsdruck primär nicht durch die Medien sondern durch "Schulungen" und Indoktrinationsveranstaltungen vermittelt, dann ist dies das Geschäftsmodell des sogenannten Multi Level Marketings – dessen wahren Charakter als kommerzielle Sekte, also als Psychokult, wir ja bereits dargestellt haben.

Gesamtgesellschaftliche Herrschaftsmechanismen

Man könnte über solch dumme Verhaltensweisen herzhaft lachen, denn die, die nicht sagen, was sie denken, haben es verdient, nach Abilene zu fahren. Doch auch auf gesamtgesellschaftlicher Ebene hat dies eine Implikation, und die ist nicht witzig:
So ist der angebliche Treibhauseffekt schon dem Grunde nach nicht gesichert, d.h., es besteht unter Wissenschaftlern keine Einigkeit darüber, daß es eine globale Erwärmung überhaupt gibt, wie die Proteste Tausender Wissenschaftler, darunter vieler Nobelpreisträger, gegen die auf dieser Annahme basierenden Beschlüsse von Rio und Kyoto beweisen. Dennoch werden repressive Maßnahmen eingeleitet, die zwar das Klima nicht retten, aber vielleicht die Kassen der verarmten Politiker: offensichtlich kann man eine gigantische Abzocke nur aufgrund einer unbewiesenen These ins Werk setzen, wenn man diese unbewiesene These nur überzeugend genug präsentiert.
Auch political correctness ist im Grunde eine Schweigespirale: wenn ich meine Interessen nicht vertreten darf, weil das (als Mann, als Unternehmer, als was-weiß-ich) nicht politisch korrekt ist, dann ordne ich mich einem Konformitätsdruck unter, der auf der Vermeidung sozialer Isolation durch das Individuum basiert und einer Herrschaftsclique, etwa der politischen Kaste, eine Macht in die Hand gibt, die in keiner Weise politisch legitimiert ist.
Was das für Folgen haben kann, das wissen wir, und ich ignoriere bewußt die Möglichkeit meiner sozialen Isolation, d.h., ignoriere den in dieser Gesellschaft (derzeit) ökosozialistischen Konformitätsdruck, wenn ich diese Vergleiche hier anstelle: in Europa hat man den Fehler von Versailles nicht wiederholt, und durch den Maastricht-Vertrag ein Mittel zur Kleinhaltung von Deutschland ohne Krieg geschaffen – recht wirksam, wie wir derzeit sehen. Und kein Protest regt sich. Auch das Fehlen jeglicher demokratischer Legitimation Europas scheint die ewig schuldigen Deutschen nicht zu stören, die über den Euro nicht abstimmen durften, obwohl dies im EU-Vertrag ausdrücklich vorgesehen ist, und über die Osterweiterung schon gar nicht. Und jetzt, da man den Handel mit Klimascheinen schon ausprobiert, kommt so richtige Sportpalast-Atmosphäre auf…

Links zum Thema

Grundbegriffe des Multi Level Marketings | Amway und die Bergpredigt: über die religiösen Wurzeln einer Marketing-Sekte | Proteste und Petitionen von Wissenschaftlern gegen "Klimapolitik" und das Kyoto-Protokoll | Das Öko-Narrenhaus ist eröffnet | EU-Parlament stimmt Plänen zu Zertifikatehandel zu | Reparationen: Deutschland zahlt bis 2020 (interne Links)

Literaturangaben

Harvey, J.B.: "The Abilene Paradox", in: Organizational Dynamics 1974, S. 63ff
Noelle-Neumann, Elisabeth: "The Spiral of Silence. A Theory of Public Opinion", in: "Journal of Communication", 24/1974, S. 43-51.

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