Endzeitstimmung bei den Bildungsfirmen

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Während eine pseudoliberale rot-grüne Bundesregierung ein System von Bildungsgutscheinen unter dem Druck der Straße (und der Hartz-Kommission) oberflächlich eingeführt hat, werden weitere Sparorgien veranstaltet, die das Bildungsgewerbe an den Rand seiner Existenzfähigkeit bringen. Nach dem ersten Beitrag zum Bildungsgewerbe vor zwei Tagen beleuchtet dieser Artikel nun die Probleme der privaten Bildungsfirmen: Bildung als Ware, aber nicht mehr lange, oder warum es nicht nur kostenlos ist, sondern auch umsonst.

Rationierung im Bildungsbereich

So wurden Trainingsmaßnahmen für Arbeitslose ganz gestrichen und Bildungsfirmen bekommen nur noch Umschulungen vom Arbeitsamt, wenn die Vermittlungsquote nach Abschluß der Maßnahmen 70% beträgt – unmöglich vorher nachzuweisen und damit ein wirkungsvolles Mittel zur Rationierung solcher Maßnahmen. Das entspricht aber genau unserer Vorhersage aus dem Beitrag von vorgestern: da Bildung nach wie vor als Kollektivgut verwaltet wird, ist Rationierung eine Prognose, die jetzt eintritt. Zudem fordert das Arbeitsamt inzwischen von praktisch allen Bildungsanbietern ein Qualitätsmanagementsystem nach ISO 9000, und die Zertifizierung durch den externen Auditor kann leicht sechsstellige Eurobeträge kosten, die sich insbesondere kleinere Bildungsfirmen in der Regel nicht leisten können. Der durch das Gutscheinsystem erzeugte oberflächliche Anschein einer freien Wahl ist damit eine Illusion.

…und Repression!

Wir sagten ebenfalls voraus, daß Repression eine in Kollektivgutsituationen zu erwartende Verhaltensweise ist, und auch dafür fallen mir genug Beispiele ein: etwa die Verkäufergruppe, die keine Prozentrechnung lernen wollte, und sich daher über mich beim Arbeitsamt beschwerte. Ich flog achtkantig raus, ohne daß man mir die Möglichkeit zu einer Stellungnahme gab. Eine Umschülergruppe kann also "unliebsame" Themen und Dozenten durch Beschwerden loswerden. Und ich bin nicht der Einzige, der sowas erlebt hat, wie ich von den zahlreichen "Spionen" weiß, die ich überall im Bildungsgewerbe hier in der Gegend strategisch plaziert habe.

Neues Muster in den Sparmaßnahmen

Immerhin unterscheiden sich die rot-grünen Sparmaßnahmen von denen des Kohl-Regimes: unter Kohl wurde vor der Wahl gespart, unter Schröder nachher. So gab es 1993 und 1998 im Bildungsgewerbe schwere Krisen und viele Pleiten, 1993 einfach aus Haushaltszwängen heraus und 1997/98 wohl schon mit Blick auf die Maastricht-Kriterien, die unbedingt eingehalten werden sollte, koste es, was es wolle. Schröder dagegen verpaßt die absurden Zwänge des EU-Vertrages und veranstaltet Sparorgien nach der Wahl, vielleicht auf das kurze Gedächtnis des Wählers hoffend, denn in der Politik ist eine Woche eine lange Zeit. Doch da Rot-Grün das Arbeitsmarktproblem noch weniger in den Griff kriegt als das Kohl-Regime, fälscht man wenigstens die Arbeitslosenstatistik.

Wie Qualität verhindert wird

So wundert es nicht, daß die Qualität im Bildungsgewerbe abnimmt, trotz der immer weiter verbreiteten Qualitätsmanagementsysteme: denn wer sich als Dozent auf diesen Bereich verläßt, ist sehr oft verlassen – das unternehmerische Risiko des Anbieters, sei es der Bildungsfirma, sei es des (freiberuflichen) Dozenten, ist außerordentlich groß. So wundert es nicht, daß immer mehr Firmen und Dozenten versuchen, der ungewissen Marktlage durch Verlagerung in andere Bereiche und Branchen zu entgehen – was nicht nur zweifellos seriöse Anbieter wie die IHK mit Bewerbungen geradezu überschwemmt, sondern auch die "guten" Dozenten zuerst abwandern läßt, denn sie haben es leichter, andere Stellungen und neue Aufgabengebiete zu finden. So bleibt ein Bodensatz unfähiger Lehrer und minderbefähigter Dozenten im "freien" Bildungsgewerbe zurück, und das senkt die Qualität der Umschulungen und Fortbildungen, trotz aller ISO-Zertifikate und QM-Anstrengungen.

Wie man ein Unternehmen kaputtmacht

Wir wissen jetzt, wie das geht, aber keiner will es wahrhaben: mit Frauen, das geht angeblich am Schönsten, mit Glücksspiel, das gehe am schnellsten, und mit Sparmaßnahmen und Staatsverteilungswirtschaft, das geht am Gründlichsten. So bricht ein staatlich verteiltes Gut langsam an Quantität wie Qualität zusammen, und was für den Bildungsgutscheininhaber kostenlos zu sein scheint, ist in Wirklichkeit umsonst. Und das Bildungsgewerbe ist geradezu ein Gradmesser für die deutsche Krankheit, von der wir angesichts des immer noch überall anzutreffenden Durchwurstelns noch nichtmal in Ansätzen geheilt sind. Es muß wohl noch viel schlechter werden, aber wir sind ja auf dem besten Weg dorthin, etwa mit den Klimascheinen, die sich bald zu den Bildungsscheinen gesellen sollen. Dann geht es wirklich im Sturmschritt rückwärts, in die neue Weltwirtschaftskrise, in den Kreislauf aus Armut und Extremismus, den wir in Deutschland eigentlich noch kennen sollten, wenngleich unter einem anderen Vorzeichen. Doch wer aus der Geschichte nichts lernt ist dazu verdammt, sie zu wiederholen…

Links zum Thema

Bildung als Ware: Über Reformen und Reförmchen im deutschen Bildungssystem | Warum Qualitätsmanagementsysteme scheitern | Die neue Arbeitslosenstatistik, oder vom Überlebenskampf des Tausendfüßlers (interne Links)

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