Bildung als Ware: Über Reformen und Reförmchen im deutschen Bildungssystem

Teilen

 

 

Nachdem die rot-grüne Regierung Deutschlands unter dem Druck der Krise ein eigentlich wenig ökosozialistisches Experiment gestartet hat, das mit den Bildungsgutscheinen, ist die Diskussion um die Ware Bildung wieder aufgeflammt: Ist Bildung eine Ware wie jede andere, oder darf sie es sein? Und wie passen die zugleich stattfindenden immer neuen Sparorgien zu dem oberflächlichen Liberalismus der Gutscheine? Dieser Artikel beleuchtet einige Hintergründe.

Die Segnungen des Staates

Das deutsche Schulsystem ist staatlich, und zwar vom Anfang bis zum Ende, und oberflächliche neue Formen wie die Bildungsgutscheine der Hartz-Reformen sind keine wirklichen Reformen sondern nur Kosmetik: Lehrer sind meist Beamte, und nur relativ wenige Privatschulen sind zugelassen, die zudem, wie das gesamte Schulwesen, unter der Aufsicht des Staates stehen (Art. 7 Abs. 1 GG). In Absatz 2 derselben Vorschrift wird den Erziehungsberechtigten das Recht zugestanden, über die Teilnahme des Kindes am Religionsunterricht zu bestimmen, was im Umkehrschluß natürlich heißt, daß die Erziehungsberechtigten (und erst Recht die zu-Erziehenden selbst) kein Recht haben, über sonstige Inhalte oder Teilnahme an Bildungsveranstaltungen zu bestimmen: die Bildung ist in Deutschland eine verordnete Segnung des Staates, eine Zwangsveranstaltung. Gut in dieses Bild paßt auch, daß Universitäten und selbst höhere Schulen oft am Behördenbetrieb orientiert sind und Professoren sind sehr häufig verbeamtet: ein Staatsmonopol, und zwar bis auf den Grund. "Our public school system today is not only a socialist enterprise, it's an almost completely unionized enterprise" (Milton Friedman).

Kollektive Güter

In der betriebswirtschaftlichen Gütertheorie ist ein Gut etwas, was der menschlichen Bedürfnisbefriedigung dient oder dienen könnte. Man unterscheidet kollektive und private Güter nach der Geltung des Ausschlußprinzipes: wenn ein Nutzer eines Gutes Andere an gleichzeitiger Nutzung desselben Gutes ausschließt, dann handelt es sich um ein Kollektivgut. Scheint trivial, ist es aber nicht: Ich habe ein Bedürfnis nach Frieden und Sicherheit, also sind diese Beiden Güter. Wenn ich in den Genuß des Friedens und der Sicherheit komme, schließe ich aber niemanden davon aus, auch friedlich und sicher zu sein – beides sind also Kollektivgüter, ganz im Gegensatz zu diesem Computer, den ich im Moment benutze, so daß niemand anders dran arbeiten kann, jedenfalls nicht jetzt: der Computer ist also ein Privatgut.

Kollektivgüter und Rationalprinzip

Das Rationalprinzip unterstellt jedem Handelnden zwei Grundverhaltensweisen: Sparsamkeit und Nutzenmaximierung, also Minimal- und Maximalprinzip. Ersteres besagt, daß jeder versuchen wird, ein gegebenes Ziel mit dem geringsten Mittelaufwand zu erreichen, letzteres daß jeder Nutzen unendlich ist, also grenzenlos maximiert werden kann: und wenn ich von einer Sache genug habe, entstehen sogleich neue Bedürfnisse. Menschliche Bedürfnisse sind im Prinzip unendlich. Diese Entscheidung ist für das Kollektivgutproblem relevant: bei Kollektivgütern kann zwar ebenfalls der Nutzen maximiert werden, indem ich z.B. keine überflüssigen Risiken eingehe, aber die Kosten können gegen null minimiert werden, indem ich nämlich die Zahlung verweigere, weil ich durch das fehlende Ausschlußprinzip ja niemanden bezahlen muß: Keiner zahlt freiwillig für Kollektivgüter, wenn er sie konsumieren kann, ohne andere von deren Nutzen auszuschließen. Bei Kollektivgütern besteht also Marktversagen. Das Problem wird in Deutschland durch Zwangsfinanzierung gelöst, nämlich durch den Zwang, Steuern und Abgaben zur Finanzierung von Kollektivgütern zu zahlen.

Kollektivgüter sind immer ineffizient

Der Steuerzahler ist aus Sicht des Verwalters von Steuergeldern aber ebenfalls ein Kollektivgutproduzent: ein Beamter schließt einen anderen nicht von der Ressource "Steuermittel" aus. Kein Staatsdiener hat also einen ökonomischen Anreiz, mit Steuermitteln sparsam und effizient umzugehen. Kein Wunder, daß es so viel Verschwendung im Bereich des Staates gibt! Besonders gut läßt sich das am Gesundheitswesen demonstrieren: macht in einem Stadtviertel ein neuer Arzt eine Praxis auf, so gehen die Patientenzahlen in den anderen Praxen desselben Stadtteiles nicht zurück, sondern steigen: der Patient ist nämlich aus Sicht des Arztes ein Kollektivgutanbieter, d.h., er bringt einen Nutzen ohne direkte Kosten, also ohne Ausschlußprinzip. Und warum den Patienten nicht noch für eine weitere Untersuchung zu einem anderen Kollegen schicken? Das freut nicht nur den Zunftgenossen, sondern läßt sich auch gut als optimale Versorgung verkaufen.

Rationierung und Repression

Die Antworten des Staates auf dieses Problem sind bekannt: Rationierung der Leistungen, ebenfalls gut am Beispiel der Patienten zu demonstrieren aber auch an der Rationierung der Honorare für Ärzte, sowie Repression, d.h., die recht herzlose Behandlung derer, deren Bedarf die gesetzte Grenze überschreitet. Kein Wunder, daß sogar bei den steuergeduldigen Deutschen inzwischen der Widerstand gegen die Staatszwangswirtschaft wächst, den nichts anderes haben wir hier, eine moderne Form des Sozialismus, die sich unter grünem Einfluß langsam zu einem ausgewachsenen Ökosozialismus wandelt.

Bildung als Kollektivgut

Die hier vorgestellten theoretischen Grundlagen und ihre praktischen Folgen treffen auch auf das Bildungswesen zu. Wenn die Bildung staatlich kollektiv organisiert wird, und der Einzelne nichts bezahlen soll, wenn zudem (zumindest als Ziel) jedes Fach in uneingeschränktem Umfang an allen Bildungsstätten gleichermaßen studierbar sein soll, dann ist angestrebt, Bildung als Kollektivgut zu etablieren. Die Produktion des Kollektivgutes Bildung ist aber ebenso ineffizient wie die Produktion des Kollektivgutes Gesundheit: für immer geringere Standards an öffentlichen Schulen und Universitäten werden die Kosten immer höher, was man freilich nicht so direkt merkt, weil Bildung aus dem allgemeinen Steueraufkommen (und nicht durch eine direkte Abgabe wie einen Sozialversicherungsbeitrag) finanziert wird; aber die Rationierung merkt man recht gut. Sie heißt "Numerus Clausus".

Die Ideologie von der zweckfreien Forschung

Im Zuge der Kollektivierung sind deutsche Universitäten zunehmend zu Spielwiesen verkommen, an denen zweckfrei in den Tag geforscht werden kann und man meint es sich leisten zu können, die Augen vor den wirtschaftlichen und folglich gesellschaftlichen Notwendigkeiten zu verschließen. Da das Land als Träger der Kulturhoheit vom Steuerzahler finanziert wird, also ein Kollektivgut "Bildung" ohne direkte Nutzenkontrolle verwaltet, kann man sich die absurde Diskussion um Stammzellen und den Schutz von "Embryonen" die aus 8 Zellen bestehen und für das Auge unsichtbar sind, ebenso leisten wie langjährige Gerichtsverhandlungen um das Tragen von Kopftüchern oder das Aufhängen von Kruzifixen im Unterricht. Und deutsche Studenten bearbeiten ihre von lustlosen Dozenten vorbereiteten Arbeitsblätter und hängen abends in der Disko ab, ohne Aussicht auf Erfolg und eine Zukunft im überfüllten Massenbetrieb in Bibliothek, Mensa und Hörsaal. Unterdessen haben sich um amerikanische Universitäten herum wahre Boomtowns voller kleiner Betriebe und Start-ups gebildet, und wenn man Glück hat, dann hört man eine Vorlesung bei einem Nobelpreisträger. Der würde in Deutschland nie einen Studenten zu Gesicht bekommen, aber der Student wäre hierzulande vielleicht gar nicht zugelassen worden, weil er trotz seines Einserschnittes aus dem Abitur keinen Studienplatz bekommen hat. So wandert die Elite in die Staaten ab, und Deutschland versinkt im bekanntermaßen produktiven und innovativen Beamtentrott. Und am Ende entscheidet eine Enquête-Kommission des Bundestages über das Schicksal von Forschungen, die Millionen verschlungen haben und Diabetikern oder AIDS-Kranken die Heilung bringen könnten, aber einer Ideologie entgegengesetzt sind. So effizient ist das deutsche Bildungswesen…

Bildungsgutscheine als Chance, oder der halbgegangene Weg

Der Liberalismus schlägt schon lange vor, Bildungsgutscheine auszugeben, mit denen die Eltern und später die Auszubildenden und Studenten ihre Ausbildung selbst gestalten könnten. Die Gutscheine würden auch über die Vergabe von Staatsmitteln an die Bildungsfirmen entscheiden: mehr Studenten, mehr Forschungsgelder. So einfach ist das.
Das System wurde im Bereich der Umschulungen für Arbeitslose erstmals in Folge der sogenannten Hartz-Reformen ab 2003 versucht, ist aber sehr halbherzig und oberflächlich umgesetzt worden: denn obwohl das Arbeitsamt jetzt nichts mehr zuweist, so wie früher, der Arbeitslose sich also selbst etwas suchen kann, was ihm entspricht, werden doch Maßnahmen weiter Gelder weiter radikal zusammengestrichen. Die Einführung von Wahlfreiheit wird also durch weitere Rationierung und Repression eingeschränkt wenn nicht faktisch wieder aufgehoben.

Das wirkliche Wagnis

Meinte man es damit wirklich ernst, dann müßten Bildungsgutscheine nicht nur auf breiter Front ab der Grundschule eingeführt werden; auch religiöse, weltanschauliche und ethnische Minoritätenschulen, fremdsprachliche Schulen ausländischer Bevölkerungsgruppen und andere derzeit unzulässige Schulformen müßten zugelassen werden und in möglichst freier Form agieren dürfen. Unter all diesen könnten dann erst die Eltern, später die Auszubildenden und Studenten selbst wählen – ein Leben lang. Das schließt auch eine intensive Eliteförderung ein, und selbstverständlich ein Recht aller Bildungseinrichtungen, über die Annahme angebotener Gutscheine etwa per Aufnahmetest zu entscheiden. Das freilich wäre ein Wagnis an Demokratie, denn der Staat verlöre damit die Möglichkeit zur Indoktrination etwa durch staatlich verordnete Schulbücher, die nur und ausschließlich die jeweils herrschende (derzeit) ökologistische Staatsideologie wiedergeben dürfen. Der Staat gäbe damit einen wesentlichen Teil seiner Macht aus der Hand – was er offensichtlich derzeit nicht wagt: so wenig sind liberale Traditionen in Deutschland verwurzelt, daß man selbst das Denken und Fühlen der Kinder kontrollieren muß, um nachher nämlich treue Staatsdiener zu bekommen.

Angebot, Nachfrage und die Grundrechte

Die Bildungsgutscheine würden zudem Angebot und Nachfrage auf dem Bildungsmarkt regeln, und wenn sie damit über die Vergabe staatlicher Mittel zwingend entscheiden, also der Beamte im Kultusministerium keinen Handlungsspielraum hat, Einrichtungen mit wenigen eingelösten Gutscheinen dennoch finanziell zu fördern, dann hätten wir nicht nur das Problem der indirekten staatlichen Indoktrination gelöst – es gäbe auch eine marktbezogene, und damit die bestmögliche Qualitätskontrolle: die Schule, Universität oder Bildungsfirma müßte nicht mehr für Riesensummen QM-Zertifikate erwerben, die dann die Honorare an Dozenten kürzen, sondern könnte einfach durch Generierung einer entsprechend hohen Zahl von Nachfragern ihre Qualität unter Beweis stellen, wobei (zumindest in der Berufsbildung) die Übernahmechancen am Schluß der Ausbildung das für den Gutscheininhaber möglicherweise optimale Entscheidungskriterium wäre.
Aber das derzeitige System offenbart auch etwas ganz Anderes: wenn wir so frei sind, die Segnungen des Staates nicht nur konsumieren zu dürfen, sondern dies sogar zu müssen, dann ist das ganze Gerede von Freiheit und Rechtsstaat offensichtlich so glaubwürdig wie die Ideologie einer demokratischen Europäischen Union. Sozialismus und staatlicher Zwang sind die wirklichen Leitbilder des Bildungswesens – eines Bildungswesens von vorgestern, daß den Fall der Mauer, das Ende des 2. Weltkrieges und die Weimarer Zeit jeweils recht unbeschadet überstanden hat, denn in den Köpfen hat sich weniger geändert als in der Geschichte des Untertanenstaates.

…and the Pursuit of Happiness!

Drei Rechte hat der Mensch gemäß der amerikanischen Verfassung: life, liberty and the pursuit of happiness, Leben, Freiheit und die Suche nach Glück, ja, die Suche, nicht das Finden. Die U.S. Constitution enthält darum auch nicht einen Katalog an Grundrechten, den man mehr oder weniger zwangsweise konsumieren muß, den der Staat aber auch nach Belieben außer Kraft setzen kann (wie etwa das deutsche Grundrecht auf Berufsfreiheit, Art. 12 GG, das das Papier nicht wert ist, auf dem es geschrieben steht), sondern nur die Rahmenbedingungen, mit denen der Staat die Erreichung dieser drei Ziele sicherstellen soll: jeder soll nach Glücke suchen dürfen; wie er es findet, ist nicht Gegenstand der Politik. Das bleibt jedem selbst überlassen. Man kann die Armen nicht reicher machen, indem man die Reichen ärmer macht, und man kann diejenigen, die vom Leben nichts wollen, nicht dadurch fördern, daß man den Eliten die Förderung verweigert. Man kann die Eliten auf diese Art nur frustrieren und vertreiben, was man offensichtlich jedoch recht wirksam kann, gut daran abzulesen, daß man die Deutschen als Land der verpaßten Gelegenheiten bezeichnet hat, oder daran, wie viele Erfindungen von Deutschen und/oder in Deutschland gemacht wurden, aber ganz woanders zu Geld werden: Luft- und Raumfahrt, Auto, Internet, Chemie: deutscher Geist, fremder Erfolg. Das sind die wahren Früchte des deutschen Bildungswesens, das bis heute, fast ein Jahrhundert nach dem Kaiser, noch immer wilhelminische Züge trägt.

Links zum Thema

Es gibt sogar eine freiheitliche Webseite im deutschen Internet! (externer Link)

Leserbriefe zu diesem Beitrag

Kaiserreich (von Conrad Beckert, 04.03.2003)

Ähnliche Themen, die Ihnen gefallen könnten