Alles Müll, oder was?

Teilen

Der folgende Beitrag des "Eulenspiegel" entstammt der Wochenzeitung "Neue Solidarität" vom 19.11.2003 und trifft den gegenwärtigen Zeitgeist so genau auf die Zwölf, daß wir Ihnen dieses Vergnügen nicht vorenthalten wollen. Die Veröffentlichung an dieser Stelle ist vom Herausgeber der "Neuen Solidarität" genehmigt worden.

Fragte man früher die Deutschen nach ihrem Traumberuf, dann antworteten sie vielleicht "Astronaut" oder "Architekt" oder "Urwaldarzt". Heute dagegen müßte die überwiegende Mehrheit antworten: "Müllmann". Kein Volk der Erde beschäftigt sich so ausführlich und leidenschaftlich mit Mülldeponien, Müllverbrennungsanlagen, Mülltrennung, Müllvereinigung, Müllverwertung, Müllwiederverwertung, Müllnichtwiederverwertung, Müllentsorgung, Müllversorgung sowie Trittin und dem Doofenpfand.

Von dem Popsänger Michael Jackson hieß es einmal, er schlafe in einem stilisierten Sarg. Wäre er Deutscher, wäre es sicher eine Mülltonne gewesen.

Verdutzt sahen die beiden Hausfrauen, die sich eben noch über das richtige Loch für die ockergelbe Leerflasche in der Wertstoffstation gestritten hatten (noch mit Veilchenauge und blutender Nase), wie der Müllwagen ihre geliebten grünen, braunen und weißen Flaschen völlig ungetrennt rasselnd auf seine Ladefläche ablud…

Gespräch im Hinterhof, vor einem Halbdutzend bunter Mülltonnen, gerade ist der städtische Abfallberater eingetroffen: "Kommt der Teebeutel nun hier zu den organischen oder da zu den anorganischen oder dort zu den Verpackungen oder…?" "Ja, verehrter Herr, das kommt darauf an, ob das Beutele aus kurzfristig abbaubarem Material besteht oder nicht und ob das Schnürle am Beutele aus Plastik ist oder nicht und ob das Häkele am Schnürle am Beutele aus Metall ist oder nicht und ob das… Nanu, was haben Sie denn? – Halloohh, Sanitääter! – Hm hm, schon wieder einer!"

Ja, es kann einen schon zur Verzweiflung bringen. Immerhin ein Glück, daß jetzt so viele Leute arbeitslos sind, die haben wenigstens genug Zeit zum Müllsortieren.

Denn wehe, wenn man sich mal vertut! Da kommt , gleich die Müllstasi, gestützt von zahllosen umweltbeflissenen freiwilligen Zuträgern aus der Nachbarschaft, die sonst nichts besseres zu tun haben, als anderen auf den Abfall zu schauen. Wer was in die falsche Tonne wirft oder den Rasen zu niedrig mäht, ist ein "Faschist", und wer im Garten ein Bäumchen absägt, ein "Mörder". Komisch, ich hatte mir unter Faschisten und Mördern immer was ganz anderes vorgestellt.

Man denke sich den Gast, der gerade aus Afrika angereist ist, wo die Kinder kaum etwas zu beißen haben, und der das stirnrunzelnd mitansieht: "Also das ist das Volk der Dichter und Denker und der deutschen Wertarbeit?" "Heute nur noch Wertstoffarbeit", würde Trittin sagen. Also Müll.

Mülldenker gibt's ja schon (Club von Rom etc.), aber mit der Mülldichtung hapert es noch etwas. Mein Vorschlag wäre etwa so: "Der Abfall und das Dosenpfand / die bilden meine Wonne / ich werfe nun gar nichts mehr weg / und lebe aus der Tonne".

Damit das Ganze weniger peinlich wird, sucht man ein paar frische Bezeichnungen. Es heißt "Wertstoff" statt "Müll", "Entsorgen" statt "Wegschmeißen", "Wertstoffentsorgen" statt "Müllruntertragen". Früher hat man "Strom" gespart, heute spart man "Energie". Und damit der technische Fortschritt nicht ganz außen vor bleibt, forscht und tüftelt man fleißig am Müll herum, nach dem Motto: "Wir fanden einen Weg, aus gebrauchten Stinkbomben frische Hühnereier zu recyceln – nur am Geruch müssen wir noch etwas arbeiten…"

Und ist es da ein Wunder, wenn sich auch in Politik und Geistesleben immer mehr Müll breitmacht? Big Brother ("Mein Leben in der Riesentonne") und Deutschland sucht den Superstar ("Wer singt den größten Schrott?") gehen voran. Dann füllen sich die Parlamente mit grünen, schwarzen, roten und sonstigen Flaschen; und die "Reformen", die vorgeschlagen werden, sind zu 99% Müll – und deshalb natürlich auch, wie alles, was mit Müll, Umwelt, Öko, Bio zu tun hat, schweineteuer.

So, jetzt muß ich aber Schluß machen. Es ist schon zwölf Uhr mittags, und ich hab meinen Müll noch nicht sortiert. Es grüßt Ihr Eulenspiegel.

Links zum Thema: Die Dosen, Europa und die Demokratie | Nach dem Dosen-Debakel: Nächstes Jahr auch Zwangspfand auf Getränkekartons? | Das Dosenpfand kostet erste Arbeitsplätze (interne Links) Neue Solidarität (externer Link)

Das könnte dich auch interessieren...