Ein Jahr danach: der ungeliebte Teuro

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Ein Geburtstag ist immer Zeit, Bilanz zu ziehen, auch wenn es nur der Geburtstag einer Sache ist, nämlich des Euro, mit dem man uns bekanntlich vor genau einem Jahr silbrig-golden glänzend beglückte, und Deutschland taumelte in eine wahre €urophorie: schon zwei Wochen danach gab es kaum noch DM-Geldzeichen an den Kassen, obwohl die Übergangsphase doch offiziell viel länger gedauert hätte, dafür um so mehr riesige und schwere Münzen, die die Portemonnaies füllen und die Hosentaschen schwer machen.

Gegen Ende des vergangenen ersten €urojahres hatten sich die Mächtigen endlich herabgelassen zuzugeben, was das Volk schon lange wußte, nämlich daß der Euro in Wirklichkeit ein Teuro sei, aber zu mehr als die Preissünder an den Pranger zu stellen reichte es nicht: den Mut zuzugeben, daß das €xperiment ein Jahrzehnt, vielleicht ein Jahrhundert verfrüht war, hatte keiner. Euro und Europa gegen die Interessen der Europäer – die Volksabstimmungen in den Ländern, in denen man sie durchführen ließ, haben es überdeutlich gezeigt. Die Deutschen wurden bekanntlich gar nicht erst gefragt, denn man fürchtete das Ergebnis.

Immerhin gibt es Risse in der gar nicht so schönen Fassade, zum Beispiel in Italien. Dort denkt man offenbar wieder darüber nach, die doppelte Preisauszeichnung in Euro und Lire verpflichtend zu machen, zur "Transparenz", wie es heißt – was das Problem mit Signalpreisen und gebrochenen Preisen für die Händler dort verlängert, aber nicht sehr verschärft, denn es waren 1.936,27 Lire pro Euro – fast wie die 1,95583 DM pro Euro, jedenfalls preispsychologisch. Was machen da die Österreicher, mit ihren 13,7603 Schilling pro Euro?

Auch der sogenannte Stabilitätspakt ist kaum noch das Papier wert, auf dem er geschrieben steht, und zwar aus zweierlei Gründen: da sind nicht nur die (bei den Mächtigen, nicht beim Volk) umstrittenen Äußerungen von Romano Prodi, der ganz offensichtlich eingesehen hat, daß eine Zwangsjacke für die Wirtschaftspolitik kein Instrument der Entwicklung und Stabilität sein kann – nein, daß viele Regelungen des Stabilitätspaktes dem Stabilitätsgesetz von 1967 widersprechen, also ein Rechtsbruch und damit widerrechtlich sind, scheint in der allgemeinen €urophorie, die bei den Mächtigen offenbar immer noch andauert, niemanden mehr zu interessieren. So schlampig ist die Politik schon geworden: man macht sich nichtmal mehr die Mühe, Gesetze, die einem im Weg stehen, abzuschaffen (was man ja könnte), sondern man ignoriert sie einfach. Was wäre, täten das alle?

Die wechselseitige und allseitige Abhängigkeit der gegeneinander ansonsten eigentlich gleichgültigen Individuen bildet ihren gesellschaftlichen Zusammenhang, und das Geld ist ein Medium dieses gesellschaftlichen Zusammenhanges. Der Euro ist angetreten, ihn europaweit zu fördern – und davon sehe ich wenig. Ungeliebt wie immer schafft er vielleicht vergleichbarkeit, aber keine wirkliche Identität. Er hat damit versagt.

In seiner Darstellung der Geldfunktionen am Anfang der "Kritik der politischen Ökonomie" zeigt Marx den Zusammenhang von Wert und Geld an der ersten Funktionen des Geldes, nämlich "Maß der Werte" und "Maßstab der Preise" zu sein. Diese Funktion übernahm zunächst das Gold, später das daraus sprachlich wie sachlich daraus abgeleitete Geld – doch der Euro hat diese Funktion im Geiste der Menschen noch immer nicht übernommen, denn eine Mehrheit rechnet auch heute noch immer in D-Mark: der Euro, ein Implantat mit Abstoßungsreaktion, ein Fremdkörper.

Links zum Thema: Teuro-Inflation wird endlich zugegeben | Das Eurobarometer: Zeichen der Entfremdung | Der Unmut über den Teuro wächst | Die Ausstiegsoption für Deutschland | Der Karlspreis für den Euro: Die politische Kaste feiert sich selbst | Großer Schaden bei Euro-Einführung | Amsterdam, der Euro und die Krise | Hans Eichel und das Stabilitätsgesetz (interne Links)

 

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