Alle Jahre wieder… oder wie schreibe ich eine Prüfung, die dem Prüfer das Weihnachtsfest versüßt?

Teilen

 

 

Alle Jahre wieder, bringt nicht nur das Christkind die süßesten Sachen, sondern auch der Postbote dicke Packen mit nicht ganz so süßen Prüfungsexemplaren, die über die Festtage nachgesehen und benotet werden wollen, so daß die, die mir schon ungeduldige Mails mit dringenden Auskunftsersuchen schreiben, bald eine offizielle Antwort auf ihr Begehr vom Prüfungsausschuß erhalten, denn ich darf schon aus Datenschutzgründen solche Auskunftsbegehren nicht befriedigen.

Aber wie schreibt man eine Prüfung, so daß es dem Prüfer das Weihnachtsfest versüßt? Die nachstehenden, wirklich ganz und gar ernstgemeinten Ratschläge, haben sich auch diesmal wieder einige Kandidaten sehr zu Herzen genommen. Damit sie noch bekannter und noch weiter befolgt werden, gebe ich Sie hiermit ans Licht der Welt, kund und zu wissen für alle, die es noch vor sich haben. Also: wie schreibt man eine ordentliche Klausur?

 

  • Nimm zuvor an einem Lehrgang in Stenographie teil: schließlich gehört das zur Grundausbildung aller Prüfer.
  • Wenn es schon nicht für Stenographie reicht, dann schreibe so, daß es jeden Postboten erfreuen würde. Auch Prüfungsausschüsse haben ein Herz für Geheimschriften und Entzifferungsversuche unter Zuhilfenahme aller möglicher Familienangehöriger!
  • Die Buchstaben der altdeutschen Sütterlin-Schrift eignen sich besonders für die Kernaussagen, die, an denen die meisten Punkte hängen!
  • Bring' eine Lupe mit, um kleiner schreiben zu können. Schließlich wird alles verknappt – woher weißt Du, daß genügend Papier vorhanden ist?
  • Schreibe aus dem gleichen Grund in möglichst langen Zeilen: Ränder sind schließlich unnötige Platzverschwendung, und in dem grünen Streifen am Blattrand, wo "Anmerkungen des Prüfers" drübersteht, sieht Deine Winzigschrift viel edler aus!
  • Benutze einen Taschenrechner mit Drucker. Das Rattern des Gerätes erfreut Deine Mitstreiter, und Du kannst die Streifen mit den Ergebnissen gleich an Dein Prüfungsexemplar tackern. Ist das nicht praktisch?
  • Denke möglichst nicht gradlinig. Bearbeite die Aufgaben in irgendeiner Reihenfolge und mische die Antworten munter durcheinander, der Korrektor wird sich schon durchfinden.
  • Es ist nicht notwendig, die Felder mit "Antwort zu Aufgabe Nummer […]" ganz oben auf den Seiten des Lösungspapiers auszufüllen; wenn Du sie aber ausfüllst, ist es überflüssig, sich dann selbst nach dem zu richten, was Du dort hingeschrieben hast.
  • Denke nicht linear sondern vernetzt, d.h., laß Dir ständig noch Nachträge und Erweiterungen zu bereits vorhandenen Lösungen einfallen. Schreib diese aber nicht hinter die ursprünglichen Lösungen, denn dort ist kein Platz mehr, sondern verwende Sternchen, Pfeile, Fußnoten mit und ohne Nummern und ähnliche Mittel mehr, die Antworten etwas abwechslungsreicher zu gestalten.
  • Schreibe politisch korrekte Antworten. Verwende nur Formulierungen wie: "Betriebswirt/in" oder "TeilnehmerIn" und schreibe eine Beschwerde an den Rand des Lösungs- oder besser des Aufgabenblattes, wenn dort etwa nur "Teilnehmer" steht.
  • Verwende mehrere möglichst bunte Stifte. Korrigiere Deine ersten Ausführungen in einer anderen Farbe, und diese dann wieder in einer dritten. Schließlich gestaltet das das Leben des Prüfers etwas bunter!
  • Korrigiere die Rechtschreibung der Aufgaben, besonders dann, wenn sie noch in der alten Rechtschreibung sind.
  • Arbeite ökonomisch, d.h., verwende das Anführungszeichen " um Wiederholungen anzudeuten. Tu das auch, wenn in der vorstehenden Zeile nur zufällig das zu wiederholende Wort steht – schließlich ist der Sinnzusammenhang völlig gleichgültig!

Euch allen wünscht einen guten Rutsch in ein neues Jahr voller Arbeit und Erfolg Harry Zingel

Ähnliche Themen, die Ihnen gefallen könnten