Herbstprüfung 2002 Betriebswirt/IHK: Die Feedbacks der Prüfungsteilnehmer

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Dieses Jahr bin ich "nur" Zweitprüfer, und die Exemplare der Prüfung hier am Ort sind bei mir noch nicht aufgelaufen – ich habe es also noch nicht selber gesehen. Dafür sammeln sich aber immer mehr Aussagen von Prüfungsteilnehmern an, die es dieses Mal hinter sich gebracht haben. Der folgende kleine Beitrag faßt einige wichtige Äußerungen zusammen, beruft sich aber bislang ausschließlich auf Zeugenaussagen. Wenn mir die Exemplare vorliegen, werde ich mich weiter dazu auslassen.

BWL

Nach den mir vorliegenden Berichten war es inhaltlich eher unauffällig. Im Controlling-Teil ging es um einen Vergleich Tilgungs- und Annuitätendarlehen (mit Disagio), um Leasing, Rabatt und Skonto – zudem Finanzbedarfsberechnung. Von einer so richtig heftigen Break-Even-Aufgabe wie früher so oft habe ich bislang noch nichts gehört. Der Marketing-Teil drehte sich um Preispolitik, Stärken/Schwächen-Analyse, Chancen / Risiken, Marktdurchdringung nach Ansoff und Diversifikation – eigentlich alles Standardthemen. Die Fallbeschreibung scheint von einigen als viel zu lang empfunden worden zu sein. Der kommerzielle Rechtsschutz scheint diesmal auch drangekommen zu sein – Produktion für Kette als Eigenmarke, Produkteinzelmarke, Mehrmarkenfamilie, Abtretung der Patentrechte, Vorteile/Nachteile. Das war zwar in dieser Form noch nicht sehr häufig, sollte aber auch kein Problem sein. Im allgemeinen Teil ging es zudem um Beteiligungsfinanzierung.

EU und Außenwirtschaft

Im EU-Bereich ist meine Vorhersage vom 22. Oktober nicht eingetroffen, aber ich hatte ja angekündigt, fehlbar zu sein. Zu den Themen, die genannt wurden, gehören internationale Vertriebswege (die übliche Vor- und Nachteilsfrage), Berechnung der Kosten bei CFR, FOB und CIF, Intrastat, Bestimmungsland, UStID-Nr., die Vier Grundfreiheiten aus dem Maastricht/Amsterdam-Vertrag, Risikomanagement im Export und Akkreditive. Scheint alles recht unauffällig zu sein – das Problem lag hier in der Zeit, die wiederum mehrere Teilnehmer als völlig unzureichend bezeichneten.

Recht

Dieses Fach unterrichte ich nicht im Betriebswirt/IHK, daher fehlt mir ein bißchen der Überblick über frühere Prüfungen. Zu den Themen, die genannt wurden, gehören Betriebsrat und Arbeitsrecht, diesmal mit einem Beispiel zur Abmahnung und Kündigung, wie immer der Kaufvertrag (bürgerlicher und Handelskauf) mit Willenserklärungslehre und Vertragsrecht, sowie das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG). Letzteres könnte etwas ungewöhnlich sein, ist aber recht aktuell und nicht übermäßig problematisch. Größere Beschwerden habe ich aus diesem Bereich nicht gehört, aber insgesamt 5 Fälle wurden als zu viel für 90 Minuten bezeichnet.

Ökomanagement

Diese Prüfung wurde von einem frustrierten Teilnehmer als "Vorstufe zum Öko-Juristen-Diplom" bezeichnet, und auch hier soll die zur Verfügung stehende Zeit unzureichend gewesen sein. Zudem hieß es, daß das Abfallgesetz benötigt wurde, aber nicht in der Liste der zugelassenen Hilfsmittel enthalten war – ziemlich unfair, wenn zutreffend. Schlägt hier die allgemeine Tendenz zum Nachhaltigkeitswahn und zur Öko-Ideologisierung der Wirtschaft durch? Sollen die Teilnehmer darauf vorbereitet werden, bald alle ihren Betrieben den grünen Öko-Audit-Nasenring zu verpassen?

Qualitätsmanagement

Der Hammer hing diesmal anscheinend im QM-Bereich: Hier wurde nach der Aussage eines Teilnehmers allen Ernstes eine Nennung von 10 alten ISO-Elementen (9001:1994) und deren Zuordnung auf das neue ISO-System (9001:2000) verlangt. Das paßt gut in das Bild früherer Prüfungen in diesem Fach: Man bedenke, daß der Re-Zertifizierungszyklus 3 Jahre beträgt. Da die neue Normversion Ende 2000 herauskam, und ab 2001 danach zertifiziert wurde, gibt es jetzt schon kaum noch Betriebe, die noch nach der ISO 9000:1994er zertifiziert sind – und die reale Verwendbarkeit der alten 20 Punkte geht gegen null. Kaum eine sinnvolle Frage, sowas!

Kleine vorläufige Wertung

Jemand schlug die Prüfungsfragen-Lyriker für den großen Karnevals-Orden am Band vor – vielleicht nicht ganz daneben? Es könnte sein, daß sich bestätigt, was ich schon vor Jahren in meinem grundsätzlichen Beitrag "Der Zettel-Student im Finale" prognostiziert habe: das schöne Papier verliert an Wert, wenn es schon zu viele haben, aber es verkauft sich schlecht, wenn es noch zu wenige haben. Deshalb sind die Prüfungen am Anfang relativ einfach, um Leute anzulocken, nehmen dann aber an Schweregrad zu, um den Markt nicht zu überschwemmen. Besonders fällt auf, daß fast alle die zur Verfügung stehende Zeit zu kurz fanden. Hat man diesmal statt inhaltliche Hämmer einzubauen, wie es früher Sitte war, einfach zu viel reingepackt?

Mehr zum Thema

Die Vorhersage zum Fach "EU/Außenwirtschaft" vom 22. Oktober | Wie Lieschen Müller sich das Qualitätsmanagement vorstellt(interne Links)

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