TCPA: Eine Prognose des Scheiterns

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Am 27. Oktober berichtete der BWL-Bote über die Pläne der Softwarehersteller, eine neue Zensur- und Kontrolltechnik einzuführen, die nicht nur Raubkopien von Software und Daten unmöglich machen soll, sondern auch eine Zensur- und Erzwingungskomponente enthält, die – zumindestens theoretisch – so weit ausgebaut werden könnte, daß der Anwender für die Erlaubnis, seine eigenen Dokumente weiterzubenutzen, Miete zahlen muß – von indirekter Überwachung aller TCPA- und Palladium-fähigen PCs mal ganz abgesehen. Digital Rights Management (DRM) als Horrorvision. Auf den Beitrag erhielt ich eine große Zahl von Zuschriften, die einen Diskussion- und Informationsbedarf offenbaren. Die zentrale markttheoretische Frage ist aber, wie man ein solches System, das die Rechte der Anwender so erheblich einschränkt, erfolgreich am Markt einführt. Dieser Beitrag, der sich als Fortsetzung des ursprünglichen Artikels versteht, setzt sich mit einigen zentralen Erwägungen der Entwicklungen auf dem Softwaremarkt auseinander und kommt zu einer Prognose, die hiermit zur Diskussion gestellt wird.

Die Salamitaktik

Offensichtlich würde kein Anwender einen dermaßen eingeschränkten PC kaufen, und würde sich herumsprechen, daß plötzlich keine CDs mehr kopiert und keine Tauschbörsen mehr besucht werden können, so würden die Geräte wie Blei in den Läden bleiben. Die offensichtlich Antwort ist also, den Leuten TCPA-konforme Geräte ohne ihr Wissen unterzujubeln, so daß der Standard sich klammheimlich verbreitet – kein Wunder also, daß schon der im Sommer 2003 erscheinende Pentium IV Nachfolge "Prescott" TCPA-Technologien unterstützen soll, und auch Serial ATA die erforderlichen Verschlüsselungsfunktionen bereits mitbringt. Nur, daß sie wohl zunächst noch abgeschaltet werden sollen – ebenso übrigens wie die "Palladium"-Option im Windows XP Nachfolger "Longhorn" ebenfalls standardmäßig ausgeschaltet werden soll.

Der Anwender sitzt schon jetzt in der Falle

Schon Windows XP verlangt ja eine Aktivierung, die Microsoft gewiß nicht auf ewig herüberrücken wird – es ist leicht zu prognostizieren, daß die Aktivierung von Windows XP Versionen irgendwann vermutlich nicht sehr lange nach dem Erscheinen von "Longhorn" eingestellt wird. Damit sitzt der Anwender aber in der Falle und muß auf "Longhorn" umsteigen – oder die alten Windows 2000 CDs wieder herausholen. Die funktionieren auch ohne Online-Aktivierung.

Neue Features und Versionen als Köder

Daß Microsoft (und möglicherweise auch andere Hersteller?) den Gebrauch alter Windows-Versionen durch die Fesselung neuer Fassungen beliebter Werke an Windows XP (oder später seine Nachfolger) unattraktiv machen will, liegt auf der Hand. So berichtete Heise.de letzte Woche, daß die voraussichtlich im Sommer 2003 erscheinende neue Microsoft Office Version schon nicht mehr unter Windows 9x/ME und selbst nicht mehr unter jedem Windows 2000 laufen soll – ein Zufall?

Eine Neue Form von Wettbewerb

Allerdings müßte man berücksichtigen, daß Microsoft wohl offensichtlich erkannt hat, daß man den Anwender nicht mehr mit neuen Features ködern kann, die kaum noch jemand wirklich braucht – schließlich hat sich gerade in Microsoft Office seit der Version 97 kaum noch wirklich etwas verändert. Es gab nur noch Detailkorrekturen und kleine Verbesserungen. Aber auch konsequent auf XML umzusteigen hat man nicht gewagt: denn dadurch würden die Dokumente auch mit den Produkten anderer Hersteller bearbeitbar und der Wettbewerb zwischen den Softwareherstellern würde sich auf die Gestaltung des Interfaces konzentrieren – kein Wunder also, daß alle auf proprietäre Standards bestehen und versuchen, die Anwender damit an der Migration auf andere Anbieter zu hindern. In diesem Licht erscheint es zweifelhaft, daß neue Sicherheitsfeatures einen nennenswerten, über Behörden und bestimmte Unternehmen hinausgehenden Anwenderkreis finden werden.

TCPA als Zeichen der Krise

Man könnte die derzeitigen Bemühungen der "Trusted" Computing Platform Alliance als Zeichen der Krise des Marktes interpretieren: da der Markt gesättigt ist, versucht man Sicherheit zum neuen Argument für Updates zu machen – einem umfassenden Wettbewerb etwa auf XML-Basis weicht man aus. Doch ob diese Strategie verfängt, darf bezweifelt werden: So wurde der HP Media Center PC in den USA ohne Fesselung aufgezeichneter Videodateien an den jeweiligen PC auf den Markt gebracht. Offensichtlich hat man gerade noch rechtzeitig erkannt, daß ein Computer, der nur seine eigenen Aufzeichnungen wiedergeben kann, sich nicht sehr gut verkaufen würde. War das etwa eine Generalprobe für TCPA und Palladium?

Prognose des Kampfes

Aus alldem komme ich aufgrund meiner Einschätzung zu dem Schluß, daß man einige Zeit nach Erscheinen von "Longhorn" versuchen wird, neue Softwareversionen "Palladium only" anzubieten, und damit aber aufgrund eines Boykotteffektes scheitern wird. Ich prognostiziere ferner, daß in dieser Phase, in der die Softwarehersteller, allen voran Microsoft versuchen werden, die neue Zwangs- und Überwachungstechnik zu aktivieren, zu einer mehrjährigen Unterbrechung der Softwareentwicklung kommen wird, weil die neuen Palladium-Versionen sich nur ganz minimal verkaufen und die große Zahl der Anwender bei den bisherigen Versionen bleiben wird – übrigens auch die Unternehmen, wenn sie bemerken, daß TCPA eine Hintertür enthält und damit auch ein hervorragendes Spionagetool für die Konkurrenz ist. Besonders in Deutschland, dem wichtigsten Markt in Europa, ist das Mißtrauen bekanntlich groß – nicht umsonst hat sich Microsoft ja letzte Woche den Big Brother Award gefangen.

TCPA, Palladium und .NET

Palladium ermöglicht auch "sichere" Software-Mietmodelle: Der Anwender hat nur einen PC mir Browser, während die Software und die Daten auf einem zentralen Server liegen. Die .NET-Strategie von Microsoft erscheint im Zusammenhang mit Palladium und TCPA jetzt in einem ganz neuen Licht: offenbar will man damit endlich die Software-Vermietung in Gang bringen. Doch welcher Unternehmenswender würde seine vertraulichen Dokumente einfach so auf einem Microsoft-Server hinterlegen? Daß das scheitert, kann man mit gesundem Menschenverstand vorhersagen – aber Microsoft hat es in Australien auch schon selbst erlebt, als diesen Herbst Office XP als Mietmodell abstürzte.

Tux, Dein Einsatz

Weiterhin bezweifele ich, daß die TCPA es schafft, OpenSource, Shareware und ähnliche Lizenzmodelle aus dem Markt zu drängen. Schon jetzt bestätigt eine Studie Linux volle Einsatzreife. Bis TCPA wirklich verbreitet ist, also binnen vielleicht drei oder vier Jahren von jetzt, sind auch die Windows-Emulatoren unter Linux soweit gediehen, daß fast alle Windows-Software unter dem Konkurrenzsystem läuft – und das dürfte weder Microsoft noch die anderen Mitglieder der TCPA übermäßig amüsieren. Meine letzte Prognose ist also, daß TCPA und Palladium der Anfang vom Ende der Windows-Welt sein könnten – vielleicht nicht der Zusammenbruch, aber doch ein so spürbarer Rückgang, daß es Microsoft richtig weh tut, dem Markt (und den Anwendern!) aber eine Wohltat ist.

Das Ende der TCPA

Irgendwann wird es dann klammheimlich in der Versenkung verschwinden. Zwar werden die Enforcement-Chips noch auf Jahre in allen PCs stecken, aber das Sicherheitsprojekt wird im grundsätzlich scheitern – von ganz kleinen Nischenmärkten wie Geheimdienste oder Armeen einmal abgesehen. Das ist meine Kernprognose: Der Markt kann nicht betrogen werden, jedenfalls nicht sehr lange. Die Anwender mögen unwissend sein, aber sie sind nicht dumm. Jeder Versuch, TCPA und Palladium zwangsweise einzuführen, ist damit zum Scheitern verurteilt.

Ach ja…

Ich danke allen, die meinen ursprünglichen Beitrag über TCPA weiterverbreitet haben. Selten hat einer meiner Texte so eingeschlagen! Bitte verlinken oder kopieren Sie ggfs. auch dieses Dokument – es wird hiermit der General Public License unterstellt. Das gilt übrigens auch für das Anti-TCPA-Logo von oben, das bereits hier zum Download bereitgestellt wurde – kostenlos, aber hoffentlich nicht umsonst. Nur über eine Benachrichtigung würde ich mich freuen.

Relevante Links

TCPA: Auf dem Weg in die totale Kontrolle | Anti-TCPA-Logo (CorelDRAW 11, WMF, EMF) (BWL-Bote) | Windows 9x/ME: zu unsicher fürs nächste Office | Microsoft scheitert mit seiner "Mietsoftware" | Big Brother Award für Microsoft | Studie bestätigt Linux volle Einsatzreife | HP Media Center im Handel – ohne Fesselung von Video-Aufzeichnungen an den jeweiligen PC! (externe Links)

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