Amway und die Bergpredigt: über die religiösen Wurzeln einer Marketing-Sekte

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Seit einigen Tagen befindet sich ein Exemplar der Autobiographie ("Lebensbeichte"?) des Amway-Gründers Jay van Andel "Ein unternehmerisches Leben" in meinen Händen, das mit jemand zugespielt hat, denn Amway möchte das Buch offensichtlich nicht in den Händen der Kritiker sehen. Das wundert nicht, denn das Werk bestätigt meine grundlegende These, daß Marketing-Systeme und Pyramidenspiele im Kern neue Religionen sind. Van Andel begründet das selbst, und zwar aus der Bibel. Aber lesen Sie selbst:

Der Amway-Kult: eine neue Religion?

Im Gebet sind van Andel und sein Partner Rich DeVos großgeworden, von religiösem Erbe, christlichen Eltern und der Kraft des Glaubens ist gleich im Vorwort zu lesen: eine typische Money-and-Power-Story für gläubige Amerikaner, eine Geschichte aus dem Bible Belt, aus Gods Own Country, gewürzt mit einer konservativen Lebensauffassung, die eine "feste Grundlage" ist (Kapitel 15). 253 Seiten habe ich ertragen, was man aus einem Glauben machen kann, wie tief die Religion des Jesus, den man den Christos nennt, mißbraucht und mißverstanden werden kann, eine Nachtfahrt des Geistes auf fotokopierten Blättern, denn ich bin ein Außenstehender, ein Ungläubiger, das kann (und will) ich nicht verhehlen. Aber beginnen wir mit einem Zitat.

Amway und die Bergpredigt

Das freie Unternehmertum speist sich aus biblischen Quellen, jedenfalls in den Vereinigten Staaten, und ein Bibelzitat ist eine Schlüsselstelle in van Andels Buch. Der Erfolg wird hier als gottgewollt und gottgefällig hingestellt:

"Jesus Christus lehrt von den drei Dienern, denen jeweils von ihrem Herrn eine große Geldsumme anvertraut wird. Einer erhielt zehn Talente, der andere fünf Talente und der letzte eines. Nach längerer Zeit wurde jeder zur Rechenschaft gezogen. Zwei der Diener, die die Talente angelegt und das Geld ihrer Herrn verdoppelt hatten, wurden stattlich belohnt. Der Dritte, der sein Talent vergraben und nichts für seinen Herrn verdient hatte, wurde bestraft. (…) Jeder Mensch muß seinen Reichtum dazu nutzen, Gutes zu tun (…) doch die Investition von Geld in ein Geschäft kann etwas vollbringen, das Nächstenliebe nicht kann" (S. 142f).

Es ist nicht schwer zu sehen, daß hier eine offensichtliche Verdrehung der Worte Jesu Christi vorliegt, lehrt der Meister doch in der Bergpredigt, man solle nicht Schätze auf der Erde ansammeln, wo "Motte und Wurm" sie zerstören und wo Diebe einbrechen und sie stehlen (Mt. 7, 19), sondern sich "Schätze im Himmel" erwerben, wo es keine Diebe gebe. "Seht Euch die Vögel des Himmels an: Sie säen nicht, sie ernten nicht… Lernt von den Lilien des Feldes: sie arbeiten nicht und spinnen nicht" (Mt. 7, 26ff). So bedeutet das oben von van Andel zitierte Gleichnis der anvertrauter Silbertalente (Mt 25, 14–25) doch offensichtlich, man solle zum Erwerb ewiger Güter spenden, und zwar nach seinen Fähigkeiten, d.h., "wer hat, dem wird gegeben" (Mt. 25, 29). Daß es nicht um weltliche Güter gehe, wird auch am Satz "Aber viele Erste werden Letzte und Letzte werden Erste" deutlich.
Doch der Irrtum, der zur Begründung der Gottgefälligkeit des Reichtums dient, ist schon im Gleichnis selbst angelegt: Es scheint den erfolgreichen kapitalistischen Umgang mit dem anvertrauten Silbergeld als eine Eintrittskarte für das Reich Gottes zu verkündigen, was dem Geist der Bergpredigt doch kraß zu widersprechen scheint. Um diesen Widerspruch zu lösen, muß man auf die Frage antworten, was der dritte Knecht nun wirklich so falsch gemacht hat. Sein Fehler ist nämlich gar nicht, das Geld vergraben (und nicht gewinnbringend angelegt) zu haben, sondern seine Rechtfertigung enthält einen dicken Hauer: "Herr, ich wußte, daß Du ein harter Mann bist; du erntest, wo du nicht gesät hast und du sammelst ein, wo du nicht ausgestreut hast!" Woher wußte dieser Knecht das? Wie kommt dieser dritte Knecht auf die Idee, daß sein Herr erntet ohne zu säen und einsammele ohne auszustreuen? Das Gleichnis selbst erzählt doch gerade das genau Gegenteil, da der Herr doch außer Landes gehen muß, was damals kaum jemand freiwillig tat, und seinen Knechten sein Vermögen anvertraut, ohne auch nur eine einzige Bedingung zu stellen oder eine Erwartung daran zu knüpfen, was ebenfalls nicht gerade üblich war. Und trotzdem behauptet dieser dritte Knecht also, daß der Herr ein gestrenger Mann sei. Das ist eine glatte Lüge!

Soziologische Analyse: ist Amway ein neuer Calvinismus?

In seinen Schriften zur Religionssoziologie argumentiert der Soziologe Max Weber, daß der frühe Kapitalismus in den Niederlanden und besonders in England im Protestantismus, und zwar insbesondere in seiner extremen Form, dem Calvinismus wurzele. Nachdem die Calvinisten das Priesteramt abgeschafft hätten, das eine Vermittlungsfunktion zwischen Gott und dem Menschen wahrgenommen habe, verbreitete sich der Glaube, Gott zeige sein Wohlgefallen durch Gewährung irdischer Reichtümer, was in der Folge zu wachsenden Arbeitsanstrengungen und zu einer "kapitalistischen" Arbeitsethik geführt habe – genau das Gegenteil von Marx' These, über einer materiellen Basis erhebe sich ein geistiger Überbau. Was hätte Weber wohl zu van Andels konservativer Arbeitsethik gesagt? Auch die oben dargestellte Interpretation des Gleichnisses von den Silbertalenten läßt auf ein "calvinistisches" Mißverständnis der Funktion des Reichtums schließen. Es scheint also, daß wir hier einer neuen christlichen Sekte begegnen, die im Kern eine Variante des Calvinismus darstellt, was möglicherweise aber nicht ein auf Amway und van Andel beschränktes, sondern eingenerelles modernes US-amerikanisches Phänomen ist.

Der Messias und die Teufel unserer Tage

In Kapitel 7 ("Amway unter Beschuß") berichtet van Andel selbst, daß seine Organisation Kritiker habe, unter denen "wir sehr leiden". Relativ detailliert wird von Streitigkeiten mit US-Behörden berichtet und den Problemen mit dem Vorwurf, ein unseriöses Pyramidenspiel zu sein. Dabei listet van Andel auf den Seiten 98 und 99 seines Werkes selbst fünf Punkte auf, die er als Merkmale illegaler Pyramidenspiele sehen will – u.a. Geheimhaltung durch die Upline, hohe Renditeversprechen oder Beitrittsgebühren. Diese Liste entspricht aber teilweise der Liste, die in meinem eigenen Werk ("Grundbegriffe des Multi Level Marketings") aufgeführt sind. Ist das ein Zufall? Gibt van Andel sich hier nicht eine Blöße?
In Kapitel 8 ("Lahmgelegt in Kanada") wird detailliert über steuerrechtliche Probleme mit den kanadischen Behörden berichtet. Auch das verwundert, aber nur auf den ersten Blick, denn wie jeder Glaube braucht auch Amway einen Gegenpol, etwas, was die Kultmitglieder hassen können. Im Christentum waren es die Teufel (und zeitweise die Türken oder die Juden), bei Amway sind es die Steuerbehörden und die Kritiker. Kein Wunder, daß die ihr Buch eigentlich nicht in meinen Händen sehen wollen!

Das innerweltliche Böse

Hier liegt aber ein zentrales Problem, denn das Böse des alten Christentums war außerweltlich, d.h., Luther konnte zwar sein Tintenfaß nach dem Teufel schleudern (der Fleck an der Wand ist noch heute auf der Wartburg zu sehen), aber dennoch war der Teufel nicht von dieser Welt – so wenig wie die geistlichen Güter, nach denen man streben sollte. Durch die Kommerzialisierung und Verweltlichung der Religion, d.h., durch Mißverständnisse wie das oben Dargestellte, sind die Teufel aber innerweltlich geworden, d.h., die können nicht nur gehaßt, sondern aucb bekämpft werden. Das begründet nicht nur den konspirativen Charakter der Amway-Mitspieler, den ich in meinem Beitrag über MLM recht ausführlich als Merkmal unseriöser Geschäfte beschrieben habe, sondern auch die Aggressivität, mit der Gegnern und Andersdenkenden begegnet wird – was ich auch selbst erlebt habe. So erschafft man totalitäre Systeme!

Gottes großer Plan

Diktatoren leiden oft an Größenwahn, Milliardären geht es nicht besser, und immerhin bezeichnet van Andel sich selbst als solchen und spöttelt über die Schätzungen in US-Wirtschaftsmagazinen, die nie richtig rauskriegen konnten, wie "schwer" er wirklich ist. Doch wer die folgende Stelle liest, dem blitzt etwas entgegen, was man schon als nur noch leicht verklausulierten Größenwahn bezeichnen könnte:

"In Gottes großem Plan bin ich nur ein Mensch unter vielen. Der Schöpfer gibt jedem von uns in all seiner Weisheit verschiedene Gaben und betrachtet mit Wohlwollen, wie wir diese zu seinem Ruhme einsetzen. Aus einem mir noch unerklärlichen Grund hat er mit die Chance gegeben, seine Botschaft des Glaubens, der Freiheit und der Hoffnung unter den vielen Menschen zu verbreiten, die Rich und ich in unserem unternehmerischen und privaten Leben getroffen haben. Ich hoffe innig, daß diese Begegnung ihr Leben ein wenig verbessert hat" (S. 242).

Ganz offensichtlich sieht van Andel sich als als Werkzeug in der Hand Gottes, als eine Art kommerzieller Messias, sozusagen als eine Art Heilsverkünder des Waschmittels und Erretter von Hygiene und Familienheil. So weit kann es mit einer Religion kommen…

Der historische Kontext

Vielleicht war van Andel seiner Zeit auch nur ein knappes halbes Jahrhundert voraus, denn als Amway 1959 gegründet wurde scheint seine "Religion" schon vorwegzunehmen, was heute der offensichtliche Zeitgeist ist. Hierzu nehmen wir Hans Sedlmayr zur Hand ("Verlust der Mitte", ISBN 3-548-34291-4) und folgen seiner Methode, die Formen der Kunst als gesellschaftliche Symtome zu betrachten, und dabei kommen Personen wie H.A. Schult mit seinen "Müllmenschen" heraus, die es ja schon im Auftrag der Post bis auf die chinesische Mauer geschafft haben, zum Unverständnis und peinlichen Gelächter der Chinesen: doch die Posse lehrt uns mehr, nämlich daß in unserer Zeit der Mensch nicht mehr nach biblischem Vorbild als Ebenbilde Gottes betrachtet und entsprechend von der Kunst verherrlicht wird, sondern als Abbild einer Müllhalde und entsprechend durch die Kunst (und auch die Politik) erniedrigt wird: Eine sinnentleerte Neureligion kennt auch keinen Gott mehr außer dem Mammon und der Religionsstifter ist der Heilsverkünder der Seifenstoffe, der Messias der Tenside, mit einem Heer von "Beratern" aus neuen Missionaren einer auf die Bereicherung des Spitzenmannes zugeschnittenen Pseudoreligion. Ja, wir leben wieder in einem neuen Rom, wir sind am Ende des Kulturzyklus angekommen. Pfui Teufel!

Nachwort: vom Schutz der Glaubenswahrheiten

Das hier diskutierte Werk ist schwer zu bekommen, soll es offensichtlich doch nur der Erbauung von Amway-Mitspielern dienen und nicht den Augen profaner Kritiker und anderer Ungläubiger ausgesetzt werden. Es hat daher keine ISBN-Nummer und ist nicht beim Buchhandel gelistet (und ich konnte es selbst über Amazon nicht bekommen). Die US-Originalausgabe "An Enterprising Life" ist 1998 bei HarperCollins erschienen und die deutsche Ausgabe ist nur über die Amway GmbH, 82178 Puchheim zu beziehen.

Links zum Thema:

Max Weber, Schriften zur Religionssoziologie | Müllmenschen (Deutsche Post) | Amway Deutschland | Amway USA (externe Links) | Grundbegriffe des Multi Level Marketings (interner Link)

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