Das Eurobarometer: Zeichen der Entfremdung

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Auf der Webseite der Europäischen Union ist schon vor einigen Wochen das aktuelle "Eurobarometer" erschienen. In diesem Zahlenwerk veröffentlicht die EU regelmäßig Daten über die Meinungen und Ansichten ihrer Bürger zu den verschiedensten Themen. Man muß sich zwar erst durch ein umständliches Vorwärt und alle möglichen Präliminarien kämpfen, findet dann aber recht interessante Zahlen, die zu denken geben sollten:

Vertrauen in die Armee, aber nicht in die Gewerkschaften

So haben beispielsweise in den 15 EU-Staaten im Durchschnitt 70% der Bürger Vertrauen in die Armee ihres Landes (und 67% in ihre Polizei), aber nur 42% in die nicht-staatlichen Organisationen, derer einige die die Ziele des sogenannten Umweltschutzes so vehement vertreten, und gar nur 39 vertrauen den Gewerkschaften (S. 11). Könnte es sein, daß die Botschaften von Umweltschutz und Sozialstaat doch nicht so angekommen sind, wie die Politiker und weismachen wollen? Das könnte übrigens auch damit zusammenhängen, daß nur 18% der Bürger ihren politischen Parteien vertrauen (S. 10) – was mich allerdings keine Sekunde wundert.

Hitlers langer Schatten – oder waren es doch die Siegermächte?

Zu denken gibt auch, daß nur 405 der Deutschen sich auch als Deutsche fühlen (S. 14), aber nur 66% ein Gefühl für Nationalstolz aufbringen können (S. 15), der letzte Wert in allen untersuchten Ländern und ein krasser Gegensatz zur "Nationalstolzrate" von 97% etwa bei den Iren. Hat die Umerziehung so gut geklappt, oder schämt sich eine Generation für Hitler, die ihn gar nicht mehr erlebt hat? Immerhin bietet eine solche Zahl eine potentielle Erklärung dafür, wieso kein Aufschrei durch die Nation ging, als man noch in 2001, also 57 Jahre nach Kriegsende, plötzlich Zwangsarbeiter entschädigen wollte – oder sogar ihre Nachkommen, die nie unter dem Naziregime gelitten haben. In dieses Bild des Vergessenwollens der eigenen Nationalität paßt auch gut, daß die Deutschen mit 47% stolz sind, Europäer zu sein (S. 17) – der höchste Wert aller Länder. So also sieht ein williger Nettozahler aus, der niemals aufmuckt!

Die nationale Versehrtheit, immer noch

55% der Deutschen befinden die Mitgliedschaft Deutschlands für eine gute Sache (S. 20), aber nur 44% sehen darin auch Vorteile während 34% keine Vorteile sehen (und der Rest unentschieden ist, S. 22). Die Zustimmung zur Union ist übrigens seit dem Spitzenwert von knapp 70% in 1990 tendenziell eher zurückgegangen – auch das ein tiefgreifendes Symptom: offensichtlich will man dazugehören, findet aber das, was in der EU passiert, dann doch nicht so gut. Auf die naheliegendste Idee, das Land der Dichter und Denker wieder zu einem produktiven Wirtschaftsraum statt zu einem Öko-Narrenhaus zu machen, kommt aber anscheinend keiner.

Ungeliebt, aber doch dafür

In dieses Bild paßt gut, daß die Deutschen zwar zu 31% den Euro ablehnen (S. 60), aber zu 60% dafür sind (der Rest unentschieden). Offensichtlich mag man den Teuro nicht, weil man seine Auswirkung an der täglichen Ebbe im Portemonnaie spürt, ist aber doch dafür. Weil es die Obrigkeit so will? Jedenfalls ist die Hohe Zustimmung zum Euro vor dem Hintergrund der Debatten seit der Bargeldeinführung mindestens erstaunlich – und da wundert es nicht, daß immerhin 50% der Deutschen sich beim Gebrauch der neuen Geldzeichen nicht sehr wohl" oder "überhaupt nicht wohl" fühlen (S. 63).

Kein Vertrauen in die Institutionen

Da wundert es nicht, daß nur 48% der Deutschen Vertrauen in die Europäischen Institutionen haben (S. 42), ein geringer Wert mit einer Vertrauensrate von etwa 73% in Luxemburg. Nach den einzelnen Institutionen aufgeschlüsselt genießt das Europäische Parlament mit 58% europaweit übrigens noch das größte Vertrauen (S. 43). Hat das damit zu tun, daß dies das einzige gewählte Organ der Union ist? Der Kommission vertrauen übrigens nur 42% der Deutschen (S. 45) – nach den Engländern der zweitschlechteste Wert aber meines Erachtens nach immer noch ein hoher Zustimmungswert für ein vollkommen undemokratisch zustandesgekommenes regierungsähnliches Organ eigentlich sehr viel.

Endlich eine Verfassung?

Die Zustimmung zur derzeit unter dem Vorsitz des greisen Valéry Giscard d'Estaing tagenden verfassunggebenden Versammlung Europas ist übrigens unter den Deutschen mit 67% sehr hoch (S. 47), was vielleicht damit zu tun hat, daß Deutschland nur ein Grundgesetz besitzt, das nach eigenem Bekunden (Art. 146 GG) weder von den Deutschen noch in freiem Willen beschlossen wurde noch eine Verfassung ist.

Nein, bloß nicht noch mehr

Widersprüchliche Ergebnisse finden sich auch, wenn man findet, daß 39% der Deutschen der EU in 5 Jahren eine wichtigere Rolle wünschen würden (S. 49), aber nur 30% der Befragten die Aufnahme neuer Mitgliedsländer vorrangig behandeln wollen (S. 54), mit Abstand der letzte Platz der Wichtigkeitsskala. Könnte das ein Zeichen beginnenden imperial overstretchs der EU sein, oder hat man einfach Angst vor den "Mafiastaaten" des ehemaligen Ostblocks?

Und hier können Sie es nachlesen:

Eurobarometer (externer Link)

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