Eine kleine Übersicht zur Geschichte der Wirtschaftswissenschaften

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Zur Theoriegeschichte des individualistisch-utilitaristischen Ansatzes

1. Die Schottische Moralphilosophen: David Hume (1711-1776), Adam Smith (1723-1790), Adam Ferguson (1723-1816): Begründeten eine Moralphilosophie in Kontrast zu der herkömmlichen Metaphysik, deren zentrale Aussage war, daß der Bereich der Moralphänomene in gleicher Weise einer wissenschaftlichen Behandlung zugänglich sei, wie der Bereich der Naturphänomene (unter dem Eindruck Newton’s Erfolgen). Diese Moralphilisophie ist die erste in sich geschlossene Sozialtheorie der Neuzeit und läßt sich durch drei Hauptgedanken charakterisieren:

  • Universalität der Naturgesetzmäßigkeit menschlichen Handelns, interessengeleitet, erfahrungsbedingt, Kontextvielfalt. Auf diesem Gedanken baut später sogar eine Psychophysik auf (Herbart’s „exacte Psychologie“, in der versucht wurde, psychische „Kräfte“ wie mechanische Kräfte als Wirkung und Hemmung mit den Gesetzen der Mechanik zu berechnen). Er ist eine Spätfolge der Aufklärung und als solcher ein Kind der Reformation und der französischen Revolution;
  • Soziale Integration durch Austausch: Reziprozität, Eigeninteresse unter Berücksichtigung des Eigeninteresses des Anderen. Kultur ist Interaktion zwischen Individuen und unterliegt quasi-naturgesetzmäßigen Gesetzmäßigkeiten, die Oswald Spengler („Der Untergang des Abendlandes“) später aufgreift und differenziert;
  • Unintendierte soziale Konsequenzen absichtsvollen individuellen Handelns. Der Staat entsteht gleichsam „von selbst“ (Invisible Hand des Adam Smith)

2. Die Utilitaristen im engeren Sinne: Jeremias Bentham (1748-1832), John Stuart Mill (1806-1873): Machen im wesentlichen zwei zentrale Aussagen (basale Annahmen), die sich zu theoretischen Modellen zusammenfügen:

Hedonismus: Menschen suchen Angenehmen zu erreichen, Unangenehmen zu vermeiden. Was als Quelle von Freude und/oder Leid in Betracht kommt, wird jedoch nicht festgelegt (d.h., ist nicht Element des theoretischen Modells) = Wertneutralität. Belohnungen und Bestrafungen (intendierte und unintendierte) steuern das Verhalten bzw. sind instrumentalisierbar.

Assoziationismus: Was die Menschen anstreben, ist nicht durch die Natur (einen Instinkt) festgelegt, sondern variabel, es ist ein Lernergebnis. Durch Assoziationen werden Wertungen und damit gesellschaftliche Wertsysteme übertragen. Diese sind nicht gottgewollt sondern gelernt. Dieser Aspekt differenziert sich später in diverse psychologische Lerntheorien aus.

3. Der Aspekt des planvollen (teleologisch gesehenen) Lernens steht in teilweisem Widerspruch zur Idee der ungerichteten hedonistischen Lust- und Triebbefriedigung. Wer planvoll lernt tut dies nicht immer ausschließlich zur momentanen Lustbefriedigung, sondern möchte auch sein langfristiges Überleben sichern. Beide Grundgedanken offenbaren ein seit der französischen Revolution in Kunst und Philosophie dominantes negatives Menschenbild, (z.B. Sedelmayer, „Verlust der Mitte“). Es ist materialistisch und vordergründig und negiert die in der abendländischen Kunst und Kultur zuvor relevante Religion als Leitbild.

3.1. Das Verhaltensmodell der Ökonomie: Der individualistische Ansatz hat in der Ökonomie eine Fortführung erfahren. Allerdings: die entscheidungstheoretische Komponente wurde verfolgt, während das lerntheoretische Assoziationsprinzip aus dem Blick gerät. Ausbildung der Wertlehre/Grenznutzenschule: Stanley Jevons (1835-1882), Carl Menger (1840-1921), Leon Walras (1834-1910), H.H. Gossen (1810-1858). Ursprung menschlichen Handelns wird zunächst im hedonistischen Lust- und Unlustkalkül gesucht, später Hinwendung von der psychologischen Theorie zur formalen Wahlhandlungslehre. Also: von der Nutzenpsychologie zur reinen Entscheidungslogik und damit zum reinen Modellplatonismus (H. Albert, 1967). Isolation der Ökonomie von den anderen Sozialwissenschaften !

3.2. Ausdifferenzierung verschiedener spezieller sozialwissenschaftlicher Varianten: Zuerst das Verhaltensmodell der nicht-kognitiven Lerntheorie. Klassische Konditionierung J.P. Pawlow (1849-1936) Stimulus – Response, operative und instrumentale Konditionierung Skinner, (1904-1990): Verhalten, das belohnt wird, wird häufiger auftreten; positive und negative Verstärker als regulative Faktoren. Aus der Lerngeschichte ergibt sich das neue Modell Stimulus – Mentales System – Response.
Das Verhaltensmodell der kognitiven Lerntheorie. z.B. Kurt Lewin (1890-1947) und E.C. Toleman (1886-1959): Menschliches Verhalten wird durch zwei Faktoren bestimmt: (a) durch den Grad subjektiver Gewißheit der Konsequenz(en) eines Handelns und (b) durch den subjektiven und absoluten Wert dieses Resultates. Das Produkt aus beidem ergibt den Erwartungswert [E = Nutzen * Wahrscheinlichkeit – Kosten] als zentrale Größe (daher Werterwartungstheorien).

4. Ökonomie als Verhaltenswissenschaft (unter verschiedenen Namen): z.B. Gary S. Becker (1982) „Der ökonomische Ansatz zur Erklärung menschlichen Verhaltens“, versucht allerdings ohne subjektive Erwartungen durch Restriktionen auszukommen: (a) Subjektive Erwartungen weichen nicht systematisch von den objektiven Gegebenheiten ab, (b) subjektive Wertungen sind inter- und intrapersonell invariabel z.B. hohe Bewertung von Gesundheit usw. Bruno S. Frey (1980): „Unter verschiedenen alternativen Handlungsmöglichkeiten wird ein Individuum diejenige wählen, von der es den größten Nutzen erwartet“. Ein Verhalten gilt als geklärt, wenn unter objektiven (d.h., gegebenen) Bedingungen, gemäß subjektiven Erwartungen von Handlungskonsequenzen und deren subjektiven Bewertungen, d.h., Erwartungswerten, die beobachtete Handlung die relativ günstigste war. Dieses Gesetz gelte universell und sei eine quasi-naturgesetzmäßige Konstante. Irrationales Verhalten = mangelhafte Kenntnis der Modellvariablen = jedes Verhalten theoretisch klärbar. Widervereinigung der beiden theoriegeschichtlichen Entwicklungslinien! Gefahren: Mangelnde Intersubjektivität, Immunisierung, Ex-post-Erklärung, keine echte Anschlußtheorie der Werterwartungstheorie, keine Aussage über Werte und Wertungen.

5. Ausblick: Die „reine“ Sozialwissenschaft hat sich erschöpft und ist zu einem reinen Modellplatonismus verkommen. Die alten Aussagen der Moralphilosophie sind nach wie vor gültig, werden aber nicht „gewagt“. Dringend nötige Anregungen könnten etwa von mathematischer Seite kommen. Die Anwendung chaostheoretischer Erkenntnisse auf die Wirtschaft erbrachte den Beweis, daß die Grundaussage der Stabilität der Märkte Voraussetzungen besitzt und nicht universell gültig ist. Instabilität und Offenheit sind eher der Normalzustand als die Ausnahme. Unter dem Eindruck der Derivatblase und der drohenden neuen Weltwirtschaftskrise könnten diese Anregungen in naher Zuklunft von großer Bedeutung und Aktualität sein und die Sozialwissenschaft aus ihrem Elfenbeinturm holen. Ob die politische Führung die Weisheit der Einsicht und den Mut der Erneuerung besitzt ist seit der rot-grünen Machtergreifung aber noch ungewisser als zuvor.

 

 

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